SPRACHE: Affen könnten sprechen

Wiener Kognitionsbiologen haben die stimmbildenden Organe – also Kehlkopf, Zunge und Lippen – von Affen mit Röntgenstrahlen genau untersucht. Es zeigte sich, dass diese weitaus flexibler sind als bisher angenommen.

Bruno Knellwolf
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Der Kognitionsbiologe Tecumseh Fitch hat herausgefunden, dass Affen die Voraussetzungen besitzen, um zu sprechen. (Bild: Universität Wien)

Der Kognitionsbiologe Tecumseh Fitch hat herausgefunden, dass Affen die Voraussetzungen besitzen, um zu sprechen. (Bild: Universität Wien)

Bruno Knellwolf

bruno.knellwolf@tagblatt.ch

Im letzten Jahrhundert wurden Tiere hauptsächlich mechanistisch gesehen. Man dachte, sie könnten nur mit einem fixierten Verhalten auf Reize reagieren. Erst in jüngerer Zeit gab es Forscherinnen und Forscher, die einen kognitiven Ansatz zur Erklärung tierischen Verhaltens wagten – das heisst, wahrnehmen, erinnern, lernen und denken. Aus Erfahrung klüger werden – wie ein Mensch halt.

Dabei war es schon aus darwinistischer Perspektive eigentlich klar, dass Verhaltensähnlichkeiten bei verwandten Arten wie Menschen und Affen auf geistiger und psychologischer Ähnlichkeit beruhen. Doch noch lange wurde – nicht zuletzt aus religiösen Motiven – auf die Einzigartigkeit des Menschen gepocht.

Wissenschaftlich lässt sich das nicht halten, umso mehr als die Ergebnisse aus den Neurowissenschaften dieses Konzept von körperlichen und geistigen Übereinstimmungen stützen. «Auch andere Primaten als der Mensch werden heute als politische, kulturelle und moralische Wesen gesehen und dargestellt», schreibt die Universität Wien. Die künstliche Abgrenzung zwischen menschlicher und tierischer Kognition werde immer brüchiger.

Unerwartete Fähigkeiten von Tieren

Das beschränkt sich nicht nur auf Primaten. Da gehören auch werkzeugmachende Krähen und Hunde mit episodischem Gedächtnis dazu und sogar kooperative Fische. «Viele unerwartete Fähigkeiten von Tieren kommen jetzt ans Licht. Tiere überwachen ihr eigenes Wissen oder reflektieren ihre Zukunft und Vergangenheit».

Können Primaten auch einiges ähnlich wie wir Menschen – sprechen können sie nicht. Ein internationales Team von Kognitionsbiologen unter Leitung von Tecumseh Fitch von der Universität Wien wollte wissen, warum Affen das nicht können.

Affen und Menschenaffen können keine neuen Rufe lernen. Man glaubte, das habe mit der Beschaffenheit von Kehlkopf, Zunge und Lippen zu tun, also einer Begrenzung der Vokalanatomie. Die Forscher durchleuchteten den Gaumen von Makaken. Sie benutzten Röntgenstrahlen, um jene Veränderungen im Mund und Hals von Makaken zu beobachten, während sie Laut gaben, frassen oder auch nur ihren Gesichtsausdruck variierten. Mit diesen Röntgenaufnahmen erstellten sie ein Computermodell des Vokaltraktes der Affen. «Das Modell zeigte, dass es für Affen ein Leichtes wäre, viele verschiedene Sprachlaute zu produzieren, um daraus Tausende unterschiedliche Worte zu formulieren», erklärt der Wiener Kognitionsbiologe Tecumseh Fitch.

Künstliche Affensprache

Die Forscher fragten sich dann, wie die Sprache eines Affen klingen könnte, wenn dieser mit einem menschlichen Gehirn unterwegs wäre, und erstellten Audiodateien dieser künstlichen Affensprache: «Will you marry me» tönt auf Äffisch ziemlich lustig, wie sich auf der Webseite der Uni hören lässt. Die Affen hätten also zu jedem Zeitpunkt der menschlichen Evolution eine einfache Form der Sprache entwickeln können, ohne Änderung der Vokalanatomie. Aber das Gehirn wollte nicht.