SPORT: Gefährliche Kopfbälle für Kinder

Schon leichtere Stösse gegen den Kopf können die Gedächtnisleistung von Jugendlichen massiv verschlechtern. Sportverbände reagieren und verbieten Kopfbälle im Training.

Andrea Barthélémy, dpa
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Als Ärzte das Gehirn des früheren Footballstars Aaron Hernandez in feine Scheiben sezieren, bietet sich ihnen einen gruseliges Bild: Weite Teile des äusserlich normal aussehenden Hirns sind im Inneren löchrig und stark beschädigt. Chronische traumatische Enzephalopathie (CTE) dritten Grades lautet die Diagnose der Experten.

Der 27-jährige Hernandez hatte sich im April in einer Gefängniszelle das Leben genommen, wo er eine lebenslange Haftstrafe wegen Mordes verbüssen sollte. CTE, eine schwere degenerative Hirnerkrankung, kommt oft bei Menschen vor, die viele Gehirnerschütterungen oder Schläge auf den Kopf erlitten haben. Lange war sie deshalb vor allem als Boxer-Enzephalopathie bekannt. Aber seit einigen Jahren ist klar, dass auch andere Kontaktsportarten betroffen sind, vor allem American Football. Viele Ex-Spieler leiden an Gedächtnisschwund, Wutausbrüchen, Depressionen oder Demenz. Bei mehr als 100 wurde nach ihrem Tod CTE diagnostiziert, einige davon hatten sich das Leben genommen. Im Detail heisst CTE: Teile des Frontallappens, der für Entscheidungen und Impulskontrolle wichtig ist, sind mit abgelagerten sogenannten Tau-Proteinen überzogen. Hirnventrikel – mit Hirnwasser gefüllte Hohlräume – sind erweitert. Der für das Gedächtnis wichtige Hippocampus ist geschrumpft. Und der Mandelkern, der Gefühle, vor allem Angst, managt, ist stark beeinträchtigt.

Wachsende Sorge bei Eltern

Eines macht McKee besondere Sorgen: «Wir sehen eine Beschleunigung der Krankheit bei jungen Sportlern. Ob das daher kommt, weil sie aggressiver spielen oder weil sie jünger anfangen, wissen wir nicht.»

Dies treibt seit einiger Zeit auch viele Eltern in den USA um. Auch Sportarten wie Fussball sind von der wachsenden Sorge betroffen. Denn Gehirne von Heranwachsenden reagieren besonders sensibel auf Erschütterungen. Neue Erkenntnisse, die Forscher vor einigen Tagen auf dem Jahrestreffen der Gesellschaft für Neurowissenschaften in Washington vorstellten, unterstreichen das. Eine Studie der McMaster University (Ontario) zeigt, dass nicht nur Gehirnerschütterungen, sondern schon leichtere Stösse gegen den Kopf die Gedächtnisleistung zeitweise messbar verschlechtern.

Dazu liess Forscherin Melissa McCradden Football-, Fussball- und Rugby-Spieler drei Erinnerungstests am Computer machen. Ergebnis: Während der Saison konnten sich sämtliche Spieler schlechter erinnern als vor der Saison oder in der Erholungsphase danach. Die Ergebnisse stünden jeweils im Zusammenhang mit der aktuellen Fähigkeit des Gehirns, neue Neuronen zu bilden, folgert McCradden.

Kritische Nachrichten gab es zudem für den Mädchen- und Frauenfussball: Laut Forschern des Albert Einstein College of Medicine tragen Spielerinnen nach Kopfbällen mehr neuronale Schäden davon als ihre männlichen Kollegen. In den USA schreibt die US Soccer Federation vor, dass Kinder unter 10 Jahren überhaupt keine Kopfbälle machen dürfen. Zwischen 11 und 13 Jahren ist das im Spiel erlaubt, aber im Training verboten. Eine breite Diskussion auch hierzulande beginnt erst zögerlich.

Andrea Barthélémy, dpa