Spielend über sich hinauswachsen

Die ersten Lebensjahre entscheiden häufig über den Bildungserfolg. Für PHSG-Professor Bernhard Hauser liegt die Zukunft aber nicht in einer Verschulung der frühen Kindheit. Er plädiert für einen klugen Einsatz der Spiellust.

Bettina Kugler
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Bernhard Hauser Professor PHSG, Leiter Master Early Childhood Studies (Bild: pd)

Bernhard Hauser Professor PHSG, Leiter Master Early Childhood Studies (Bild: pd)

Bildung beginnt schon auf dem Wickeltisch. Nicht unbedingt mit Englischvokabeln oder physikalischen Experimenten. Sondern im vergnügten Hin und Her zwischen dem kleinen Strampler und einem aufmerksam zugewandten Erwachsenen – ob das nun Mutter oder Vater ist, die Grossmama oder eine Betreuungsperson, die nicht gleich anschliessend noch mehrere andere Kinder füttern, trösten und trockenlegen muss.

Kitzeln und «Guck-Guck-Dada», die allerersten Spiele mit Wiederholung, Überraschung und Variation in einer sicheren, vertrauten Umgebung, legen den Grundstein für ein Glücksempfinden, das nicht wenige von uns mit Kindsein schlechthin verbinden: den Zustand vollkommenen Eintauchens in ein zeitentrücktes Als-Ob. Das Gegenteil von Ernst und Alltag.

Unabhängig vom Lebensalter ist Spielen ein Bewusstseinsmodus; eine Situation der Entspannung, in der wir auf Neues gerichtet sind. Es muss nicht Jassen sein oder Schach; auch ein Roman, ein Kinofilm kann uns derart in Bann ziehen. Oft brauchen wir danach einige Minuten, um «herunterzukühlen» und wieder in der Realität anzukommen. Verständlich, dass sich Kinder nur ungern von aussen aus diesem Modus rütteln lassen.

Beim Versteckspielen im Wald etwa, beim Würfeln um den Sieg im Brettspiel oder in Rollenspielen schlägt das Kinderherz höher. Die Aufmerksamkeit richtet sich ganz auf den Gegenstand – und das in einem «entspannten Feld», wie Psychologen sagen: frei von Ängsten und Leistungsdruck. Ein Potenzial, das sich die Pädagogik im Vorschulalter zunutze machen könnte, stünde sie nicht selbst seit ein paar Jahren im Zeichen von Ängsten und Leistungsdruck.

Gegen zu frühe «Verschulung»

Bernhard Hauser weiss die Forschung der letzten Jahrzehnte hinter sich, wenn er die kindliche Lust am Spielen als wichtigen Entwicklungsmotor und Schritt zum ertragreichen Lernen verteidigt – gegen Bestrebungen, die Methoden schulischer Bildung in den Elementarbereich vorzuverlegen. Hauser lehrt an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen; sein Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich «Early Childhood Studies», der Pädagogik der Frühen Kindheit. Die Zukunft der Frühförderung sieht er weniger in Kinder-Unis und einem intensiven Einsatz von Experimentierkästen und Arbeitsblättern in Kindergärten. Stattdessen plädiert Hauser für kindgemässes, spielerisches Lernen. «Schauen wir nach Asien, so stellen wir zwar fest, dass die Chinesen mit ihren hohen Leistungserwartungen extrem erfolgreich sind», sagt er. «Aber zum einen gilt das nur für einen kleinen Teil der Bevölkerung, zum anderen ist die Verbindung spielerischer Elemente mit starkem Drill eine Lernform, die unserer Kultur nicht entspricht.» Einmal davon abgesehen, dass auch in Asien manches Kind daran zerbricht.

Eltern spielen entscheidend mit

Spielen hingegen knüpft hierzulande an eine reiche Tradition an – wenn diese denn in der Familie oder Kinderkrippe gepflegt und ausgebaut wird. Je mehr Zeit Eltern sich nehmen, je einfallsreicher sie das Spiel weitertreiben und variieren, desto grösser die lustvolle Anregung. Spielerisch entwickeln Kinder so ein Repertoire für eigene Spiele, eine Klaviatur an Spielmöglichkeiten, aus denen sie lernen: Zählen und Rechnen zum Beispiel oder vorausschauendes Denken. Die Weichen stellen sich in den ersten Lebensjahren. Vorausgesetzt, der Beziehungsrahmen stimmt.

«Ungünstig wirkt sich aus, wenn die Leistungsschiene einseitig betont wird», sagt Hauser. «Das Kind verliert dann schnell die Freude am Spielen.» Ebenso hinderlich sind frühe Etikettierungsprozesse, wie sie auch im kindlichen Spiel untereinander vorkommen: etwa wenn ein Kind immer den Hund spielen muss oder das Baby. Dass die verbreitete Spielzeugflut Kinder per se überfordere, glaubt er hingegen nicht – so lange das Kind den Überblick behalte und etwas anfangen könne mit dem Material.

Spielt ein Erwachsener nur halbherzig mit oder springt ständig von einem zum anderen, so findet das Kind nicht in den Spielmodus. «Optimal ist eine Mischung aus Neugier, Dranbleiben und Herausforderung», betont Hauser und beruft sich in seinem neu erschienenen Buch* auf eine Fülle von Studien.

Erschreckend gut: Shooterspiele

Ausgerechnet an den im pädagogischen Umfeld argwöhnisch beäugten «Shooter-Games» lässt sich zeigen, wie Spielen funktioniert und welche Lerneffekte gutgemachte Spiele erzielen können. «Die Industrie spielt das gerne herunter, weil es gesellschaftlich unerwünscht ist. Doch diese Spiele sind so aufgebaut, dass auch ein behütet aufwachsender, integrierter Jugendlicher aus der Mittelschicht in kurzer Zeit eine gefährliche Gewaltbereitschaft erlernen kann.» Diese Erkenntnisse für intelligente, sozial hochwertige Lernziele einzusetzen, ist Bernhard Hauser ein Anliegen in Forschung und Lehre. «Das Potenzial des Spieles ist noch zu wenig entdeckt», sagt er.

Kinder sind kein «Gras»

Umso kritischer bewertet er die verbreitete Vorstellung vom Erzieher als «Gärtner», der lediglich wachsen lässt, was im Kind steckt. «Geradezu fahrlässig finde ich, wenn Experten wie Kinderarzt Remo Largo auf Vorträgen Sätze verbreiten wie <Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht>. Das führt dazu, dass Kinder aus bildungsfernen Familien ins Abseits geraten und die Bildungsschere sich weiter öffnet», sagt Hauser.

Vor allem für die ohnehin schon benachteiligten Kinder eigne sich der im Elementarbereich weitverbreitete sogenannte «Situationssansatz» wenig. Gemeint ist damit die Haltung, das Kind «da abzuholen, wo es steht», seine Fragen und Interessen abzuwarten, statt ihm «etwas vorzusetzen», es also da abzuholen, wo es sein könnte.

Lernen für alle – mit Spassfaktor

Interessen werden vor allem im familiären Umfeld geweckt. Hohe Erwartungen Erwachsener fördern das Kind in seiner Entwicklung. Wo Neugier nicht angestachelt wird, reiche es nicht, zu beobachten und Material zur Verfügung zu stellen, davon ist die Lernforschung heute überzeugt. Die zum Lernen wichtige Interaktion, das Wechselspiel mit den Ideen eines Gegenübers komme dabei zu kurz.

«Die enormen Vorsprünge, die Kinder aus bildungsnahen Familien in die erste Klasse mitbringen, haben sie in der Regel spielerisch erworben», betont Bernhard Hauser. Schwächere Kinder sind darauf angewiesen, dass Krippe und Kindergarten viel Zeit für spielerisches Lernen bieten – auch in klassischen Tischspielen wie dem «Leiterlispiel» oder «Halli Galli». Die meisten machen hier mit Spass und Feuereifer mit. Während wir Grossen beim Stichwort «Lernen» eher an Mühe und Anstrengung denken.

* Bernhard Hauser: Spielen. Frühes Lernen in Familie, Krippe und Kindergarten. Kohlhammer 2013, 216 S., Fr. 36.90

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