SPIELEN: Was sich auf Kindsein reimt

Kniereiter, Fingerverse und Abzählreime haben nicht ausgedient: Sie fördern die sprachliche Entwicklung von Kindern. Sie zu sammeln, zu bewahren und weiterzugeben, ist das Lebenswerk von Susanne Stöcklin-Meier.

Bettina Kugler
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Bewegungsspiele mit einprägsamen Reimen sind Glücksmomente im Familienalltag – und Fitnesstraining fürs Gehirn. (Bild: Getty)

Bewegungsspiele mit einprägsamen Reimen sind Glücksmomente im Familienalltag – und Fitnesstraining fürs Gehirn. (Bild: Getty)

Bettina Kugler

bettina.kugler@tagblatt.ch

Fünf Minuten im Stadtbus, am späten Nachmittag: Eine Grossmutter hat den etwa dreijährigen Enkel auf dem Schoss; sie neckt ihn mit einem kleinen Vers und singt leise. «Bruder Jakob, Bruder Jakob, schläfst du noch …?» Nochmal! Nochmal! Der Bub stimmt ein; er weiss, was ihm guttut. Das Wohlgefühl ist ansteckend: entspannte Mienen ringsherum, mitten im Feierabendverkehr. Es braucht dazu nicht viel, nur Zuwendung und einen Schatz an Versen, Reimen, kleinen Spielen mit Fingern und Händen.

Kinder entwickeln bei Spielen wie «Das isch de Duume» oder «Rite, rite, Rössli» Sprachverständnis und einen grösseren Wortschatz, Erzählkompetenz und Sinn für Dialoge. Kombiniert mit Bewegungen, Hüpfen, Klatschen, Singen und Rhythmik sind Versli Fitnesstraining fürs Gehirn, Basis der gesunden Sprachentwicklung in den ersten Lebensjahren. Spielerisch üben Kleinkinder dabei Zuhören, Nachsprechen, Wiederholen und Reagieren. Darüber hinaus legen Verse und Reime den Grundstein für die spätere Freude am Lesen und Lernen. Das Schweizerische Institut für Kinder- und Jugendmedien SIKJM hat deshalb Ende Oktober 2016 eine Online-Datenbank aufgeschaltet – in den vier Landessprachen und den in der Schweiz am häufigsten vertretenen Migrationssprachen. Derzeit bietet die Datenbank rund 800 Verse in 18 Sprachen ( www.vers-und-reim.net ).

Den Grossmüttern sei Dank

Dass der immense Schatz an Reimen und Sprachspielen nicht in Vergessenheit geraten ist, verdanken wir Grossmüttern, älteren Kindergärtnerinnen – und Susanne Stöcklin-Meier, Spielpäd­agogin und Autorin von mehr als dreissig Büchern in einer Gesamtauflage von mehr als einer Million Exemplaren. Heute und morgen ist sie auf Einladung des Vereins Waldkinder zu Gast in St. Gallen und wird interessierte Eltern und Spielgruppenleiterinnen ermutigen, den Alltag mit einfachen Spielen zu bereichern, mit Versspielen und Reimen die Bindung zum Kind zu stärken und seine ganzheitliche Entwicklung beiläufig zu fördern.

Bereits 1974, als sie ihr nach wie vor erhältliches Standardwerk «Verse, Sprüche und Reime für Kinder» veröffentlichte, war ihr bewusst, dass die darin gesammelten Reimspiele und Schnabelwetzer, die «Tändeleien» und Kniereiter keineswegs mehr selbstverständlich von Generation zu Generation weiterwanderten, «mit Aug und Ohr von einer ausführenden Person abgenommen» – es brauchte ein Buch. Mehr als vierzig Jahre später ist wiederum die Kleinfamilie im Wandel. Die alten Sprüche und Spiele, bereichert durch neues Repertoire, werden heute in Spiel- und Krabbelgruppen, im Muki-Turnen und in Musikgärten gepflegt. Oder von Grosseltern, die sich die Zeit nehmen. Denn häufig fehlt es gerade daran: an Musse und Spontaneität. Der Familienalltag ist streng getaktet, das Angebot an (häufig teuren) Freizeitaktivitäten mit Eventcharakter gross, Spielzeug in Kinderzimmern reichlich vorhanden.

Eine reiche Kindheit – mit Spielen und kleinen Ritualen

Susanne Stöcklin-Meier erinnert dagegen seit Jahrzehnten unverdrossen, mit dem ihr eigenen Humor und einfach umsetzbaren Ideen daran, dass Kinder vor allem zugewandte Begleiter brauchen – und «Zeug zum Spielen»: Material zum Bauen, Gestalten und Konstruieren, Spielsachen zum Liebhaben, für Rollen- und Kleine-Welt-Spiele, aber auch Märchen, Geschichten und Rituale als «Seelenwärmer» im Tagesablauf. «Wie wir Kindern eine reiche Kindheit schenken» beschreibt sie mit einer Fülle von praktischen Tips im Buch «Spiel: Sprache des Herzens»; es erschien zu ihrem 70. Geburtstag und ist so etwas wie eine Gesamtschau ihres Lebenswerkes. Für das sie 2009 von der Schweizerischen Kommission der Unesco geehrt wurde: als Vermittlerin des immateriellen Kulturerbes der Kinder.

Versli, Sprüche & Spiel: Ein Schatz im Familienalltag, Vortrag von Susanne Stöcklin-Meier. Heute 19.30 Uhr, Raum für Literatur, Hauptpost St. Gallen.