Spiel an der Wand

Wohnen Langweilen die eigenen vier Wände, muss man nicht sofort an einen Umbau denken: Tapeten bringen Grossstädte ins Wohnzimmer oder tun so, als wären sie eine Betonwand oder ein Buchgestell. Diana Bula

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Bücher auf der Tapete: Dieses Regal wird nicht staubig (Tapete von A. S. Création). (Bilder: pd)

Bücher auf der Tapete: Dieses Regal wird nicht staubig (Tapete von A. S. Création). (Bilder: pd)

Dieter Bohlen ist nicht mehr nur Pop-Titan und Juror, der Möchtegernsänger abserviert. Er ist neuerdings auch Tapetendesigner. An der Messe Heimtextil in Frankfurt hat er eine selbstentworfene Kollektion vorgestellt. Und wenn Dieter Bohlen, der Meister des Mainstreams, Tapeten macht, bedeutet das: Die Wandbekleidung ist wieder in.

Birkenwald statt Jagdszene

Der 58-Jährige setzt als Tapetendesigner auf helle, dezente Muster. Dabei sind Tapeten grosse Inszenierer. Tapeten geben Dinge vor, die nicht sind. Und das war schon immer so. «Nahmen die französischen Adligen ihre Gobelins eins von Schloss zu Schloss mit, schmückte die Mittelschicht ihre Stadtwohnungen später mit Tapeten, welche die gestickten Wandbilder imitierten», sagt Hansruedi Kaufmann, Präsident des Vereins Tapetenforum mit Sitz in Zürich. Heute wollen die Menschen keine Kriegs- oder Jagdszenen mehr an den Wänden sehen. Dafür idyllischen Birkenwald oder ein Büchergestell – auf Papier oder Vlies, versteht sich.

Bis vor kurzem noch galten Tapeten als spiessig – wohl nicht zuletzt wegen der einst in England verbreiteten raumhohen Varianten mit ihren opulenten Mustern. Ein Beispiel für aristokratische Verstaubtheit, die auf manchen Gast bedrückend wirkte. Warum nun der Sinneswandel? «Tapeten schaffen eine warme Stimmung im Raum», sagt der St. Galler Innenarchitekt Andreas Bechtiger. Viele hätten genug vom «kühlen und harten Design der 90er-Jahre». Hinzu kommt, dass Tapeten vielfältiger sind als Putz. «Auch wenn man in einer herkömmlichen Mietwohnung mit herkömmlichen Möbeln lebt, kann man damit jedem Raum eine persönliche Note verleihen. Der Mensch liebt es, sich auszudrücken», sagt Farbgestalterin Caroline Bösch aus Teufen.

Hinter dem Sofa liegt New York

Sich ausdrücken: Das funktioniert besonders gut mit Bildern. Auch sie lassen sich auf Tapete bannen. «Digitaltapeten sind zurzeit sehr gefragt», sagt denn auch Sara Neuweiler von Hurter Tapeten in Winterthur. Ein Foto von den Ferien, eine Aufnahme einer Bildagentur oder eine fertige Digitaltapete eines Anbieters: Schon taucht hinter dem Sofa die Skyline von New York auf oder leuchtet dort das beruhigende Grün der schottischen Highlands. Auch Wandbekleidungen mit Retromustern aus den 70er-Jahren oder mit Barockmustern – schnörkelloser und mit Erdtönen modern interpretiert – kommen gut an. Und während neue Möbel heute vorzugsweise so aussehen, als wären sie schon gebraucht, kann die Tapete ebenfalls Verschleissspuren aufweisen: Sie ähnelt einer Wand aus bröckelndem Beton oder verwittertem Holz.

Dunkle Farben machen klein

Eine ausgefallene Tapete verändert einen Raum. Sie anzubringen braucht folglich etwas Mut. Schliesslich blickt man danach täglich darauf. Innenarchitekt Andreas Bechtiger rät denn auch, den Entscheid gut zu überdenken: «Ein auffälliges Sujet zum Beispiel kann schnell verleiden. Schade ums Geld.»

Hält man sich an unifarbene Tapeten in gedeckten Farben, kann jedoch nicht viel schiefgehen – sofern man einige Regeln einhält: Dunkle, erdige Töne lassen Räume kleiner wirken, helle, klare Farben vergrössern sie. Und: Längsstreifen strecken, Querstreifen verbreitern, wie Farbgestalterin Caroline Bösch sagt. Wer den Vermieter nicht verärgern will, wählt statt Papier eine Vliestapete. Sie lässt sich ablösen, ohne Rückstände. Das ist auch nützlich, wenn die geblümte Decke plötzlich auf die Nerven geht.

Abgespeckte Version: Nur eine Bahn (Tapete von Deborah Bowness).

Abgespeckte Version: Nur eine Bahn (Tapete von Deborah Bowness).

Altes Muster, neues Design (Tapete Cole & Son).

Altes Muster, neues Design (Tapete Cole & Son).

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