«Speicherung ist nicht gesichert»

Fast eine Million Bücher stehen in der Bibliothek des Deutschen Museums in München. Dessen Bibliotheksleiter Helmut Hilz zur grossen Herausforderung, trotz Digitalisierung das Wissen der Welt speichern zu können.

Bruno Knellwolf
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Die Handschriften Leonardo da Vincis zeigen das Potenzial des genialen Erfinders und Renaissancekünstlers. (Bild: ap)

Die Handschriften Leonardo da Vincis zeigen das Potenzial des genialen Erfinders und Renaissancekünstlers. (Bild: ap)

Helmut Hilz ist Herr über 950 000 Bücher. Diese stehen in der Bibliothek des bekannten Deutschen Museums in München, die Hilz seit 1998 leitet. Sein Amt als wissenschaftlicher Bibliothekar lässt ihn über die Buch- und Bibliotheksgeschichte forschen und dozieren – am kommenden Mittwoch wird er an der Universität St. Gallen referieren.

Grösser als in London und Paris

Die Bibliothek des Deutschen Museums ist eine der grossen naturwissenschaftlich technischen Bibliotheken in Deutschland. «International besitzt sie die grösste Sammlung zur Geschichte von Naturwissenschaften und Technik. Grösser als die vergleichbaren Sammlungen in London und Paris», sagt Helmut Hilz. Die Bücher der Bibliothek gehen zurück bis ins Jahr 1452, in dem eine tiefe historische Zäsur stattfindet: Johannes Gutenberg beginnt mit dem Druck der Bibel und leitet damit die Medienrevolution der Frühen Neuzeit ein. Das Zeitalter der Handschriften geht seinem Ende entgegen und der Buchdruck tritt an seine Stelle, wie Hilz erklärt.

Die Bibliothek des Deutschen Museums führt Objekte aus dieser Zeit. «Sie besitzt eine herausragende Sammlung an Originalschriften. Als herausragende Objekte erwähnen möchte ich unsere Sammlung an Maschinenbüchern, die weltweit die vollständigste ist. Dabei handelt es sich um reichhaltig illustrierte Werke des 16., 17. und 18. Jahrhunderts.»

Zusammen mit der ETH Zürich

Angeregt wurden diese Verfasser auch durch die Schriften des grossen italienischen Künstlers und Erfinders Leonardo da Vinci, der just im Jahr 1452, also zu Beginn des Buchdrucks geboren wurde. «Wie bei Leonardo mischen sich in den Maschinenbüchern technische Wirklichkeit und Utopie», sagt Hilz. «Erwähnen möchte ich auch unsere Sammlung an astronomischen Werken. Zusammen mit der Bibliothek der ETH in Zürich haben wir ein Portal bemerkenswerter Drucke aus diesem Fachgebiet aufgebaut. Dieses ist über das Internet zugänglich. Hier zeigen sich die Vorteile der Digitalisierung», erklärt der Bibliotheksleiter.

Erwarten würde man eher, dass einem Herr über eine Million Bücher ob der Digitalisierung angst und bange werde. Zu flüchtig und wenig langlebig erscheint einem digital Gespeichertes im Vergleich zu jahrhundertealten Büchern. Die Digitalisierung habe wie alle Dinge zwei Seiten. «Positiv ist, dass die Inhalte weltweit und für jeden zugänglich sind. Ein schönes Beispiel ist die Digitalisierung des Kodex Madrid von Leonardo da Vinci, der nun von jedem eingesehen werden kann», sagt Hilz. Der Kodex Madrid ist eine gebundene Sammlung von Notizen und Zeichnungen zu Geographie, Mechanik, Mathematik und vielem mehr (siehe Kasten).

«Eine solche Digitalisierung schafft für die Wissenschaft völlig neue Möglichkeiten. Freilich haben wir hier aber immer Originale auf Papiere.» Negativ sei aber, dass die Langzeithaltbarkeit rein digitaler Daten nicht völlig gesichert sei. «Bücher und Zeitschriften, die nur noch in digitaler Form erscheinen, laufen Gefahr, irgendwann nicht mehr gelesen werden zu können. Es gibt international zahlreiche Initiativen für die Langzeitarchivierung, jedoch ist die dauerhafte Archivierung elektronischer Daten sehr viel teurer als von Papier in Archiven und Bibliotheken», erklärt Hilz.

Doch eigentlich bringt die aktuelle digitale Zäsur nichts Neues. «Es ist ein Kennzeichen der Entwicklung, dass die Menschheit ihr Wissen immer flüchtigeren Datenträgern anvertraut hat. Die Keilschrifttafeln sind jahrtausendealt, viele Dateien aus den 1980er-Jahren können wir schon heute nicht mehr lesen», sagt Helmut Hilz.

Zu hohe Kosten

Trotzdem ist die Digitalisierung eine grosse Herausforderung für die Bibliotheken. Seit einigen Jahren digitalisieren sie die urheberrechtsfreien Bestände mit grossem Nachdruck. «Ich persönlich halte es aber für ausgeschlossen, dass in den nächsten Jahrzehnten das gesamte schriftliche Kulturgut digitalisiert werden wird. Schon allein die immensen Kosten werden dies verhindern». Noch einen Nachteil sieht Hilz: Da die Wissenschaft heute ganz klar digitalisierte Inhalte bevorzuge, bestehe die Gefahr, dass nur in Papierform vorhandene Inhalte zunehmend übersehen würden.

Das meiste ist schon verloren

Da scheint es wohl fraglich, ob das Weltkulturerbe über weitere Jahrhunderte erhalten werden kann. Grosse Datenverluste habe es immer gegeben. «Von den Werken der griechisch-römischen Antike sind vielleicht noch ein oder zwei Prozent erhalten. Der Rest ist verloren. Von den Zeichnungen Leonardos ist noch ein Drittel erhalten. Zwei Drittel sind nach 500 Jahren schon verloren.»

Für den Datenverlust waren Katastrophen, Kriege und menschliches Unverständnis verantwortlich. «Es wäre illusorisch zu erwarten, dass dies heute anders ist. Aktuell erleben wir ja im Nahen Osten die Zerstörung jahrhundertealter Kulturdenkmäler, darunter auch Bibliotheken», sagt Hilz.

Helmut Hilz Leiter der Bibliothek im Deutschen Museum in München (Bild: pd)

Helmut Hilz Leiter der Bibliothek im Deutschen Museum in München (Bild: pd)

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