Spaldin überlistet die Atome

Nach acht Jahren geht einer der bedeutendsten europäischen Wissenschaftspreise wieder einmal in die Schweiz. Den Körber-Preis, auch der «Deutsche Nobelpreis» genannt, erhält Nicola Spaldin, Materialforscherin an der ETH Zürich.

Bruno Knellwolf
Merken
Drucken
Teilen
Nicola Spaldin, Professorin für Materialtheorie an der ETH Zürich, erhält am Montag in Hamburg den mit 750 000 Euro dotierten Körber-Preis. (Bild: Körber-Stiftung/Friedrun Reinhold)

Nicola Spaldin, Professorin für Materialtheorie an der ETH Zürich, erhält am Montag in Hamburg den mit 750 000 Euro dotierten Körber-Preis. (Bild: Körber-Stiftung/Friedrun Reinhold)

Der Körber-Preis sei ein Hinweis auf einen allfälligen Nobelpreis, sagt Franziska Schmid von der ETH Zürich mit Stolz: «Viele bezeichnen ihn als <Deutschen Nobelpreis>.» Die Jury zeige oft ein gutes Gespür: «2011 erhielt Stefan Hell den Körber-Preis und 2014 zeichnete die Jury May-Britt und Edvard Moser aus – alle drei gewannen 2014 einen Nobelpreis in Schweden.» Der Körber-Preis ist zudem mit 750 000 Euro dotiert, was nicht weit von der Preissumme eines Nobelpreises entfernt ist.

Preisverleihung in Hamburg

Am kommenden Montag wird die 46jährige britische ETH-Forscherin Nicola Spaldin in Hamburg den Körber-Preis für die Europäische Wissenschaft 2015 erhalten. Damit geht diese Auszeichnung zum ersten Mal seit 2007 wieder in die Schweiz.

Seit 2011 in Zürich

Belohnt wird mit Spaldin eine Chemikerin und Materialforscherin, die seit 2011 einen Lehrstuhl für Materialtheorie an der ETH Zürich inne hat und zuvor 14 Jahre als Professorin an der Universität von Kalifornien gearbeitet hat. Den Preis erhält sie für ihre Forschung an den sogenannten Multiferroika – auch als Silizium der Zukunft bezeichnet.

Warum von Silizium die Rede ist, erklärt Nicola Spaldin so: «Wir designen an der ETH neue Materialien mit neuen Eigenschaften, die es in der Natur nicht gibt.» Ihr Ziel sei es, ein Material zu schaffen, das sowohl gute magnetische wie auch gute ferroelektrische Eigenschaften besitze. Ein heutiger Computer braucht nämlich zwei Arten von Materialien: Zum ersten magnetisches Material, das die Informationen speichert. Zum zweiten Halbleiter aus Silizium, welche die Informationen verarbeiten. Könnte man ein Material entwickeln, das beides kann, also Informationen speichern und verarbeiten, würde das zum Bau von viel kleineren Geräten führen, die viel weniger Energie benötigen.

Multiferroika könnten das. Es sind kristalline chemische Verbindungen, die sowohl auf elektrische als auch auf magnetische Felder reagieren. Diese Verbindungen von Metallen und Sauerstoff könnten irgendwann das Silizium in den Chips ersetzen, dem die heutigen PCs und Smartphones ihre Rechenfähigkeit verdanken.

In einem eigens von der ETH Zürich gedrehten Video zeigt Spaldin, wie sie ihre am Computer entwickelten neuen Materialien im Labor am Campus Hönggerberg testet – und wie sie sich dazwischen in den Pausen an der Kletterwand entspannt. Sie liebe Wandern, Klettern und Skifahren, erzählt die Britin, die zudem Klarinette in einer Kammermusik spielt.

Dozentin und Forscherin

Spaldin hält auch Vorlesungen zu den Grundlagen der Materialphysik. Die Kombination von Forschung und Lehre an der ETH Zürich schätzt sie sehr. Hier möchte sie zudem ihren grössten Traum verwirklichen, die Entdeckung eines Supraleiters bei Raumtemperatur (siehe unten). Diese wäre wohl auf jeden Fall Nobelpreis-verdächtig.

Jetzt kann sie sich erst einmal über die 750 000 Euro Preisgeld freuen. Dieses will sie primär in die Forschung investieren. Sie habe zwei neue Projekte, die sie nun dank dieses Geldes realisieren könne. Zum einen will sie eine neue kristalline chemische Verbindung auf deren Potenzial für Multiferroika untersuchen. Zum anderen möchte sie einer theoretischen Idee namens «hidden order» nachgehen, die auf den Weg zum Supraleiter führen soll.

Bleibt die Frage, wie eine junge Frau in England vor gut 30 Jahren dazu kam, eine solche naturwissenschaftliche und nun preisgekrönte Laufbahn einzuschlagen? «Vielleicht, weil ich schon in der Schule die Mathematik und die Wissenschaft liebte – und weil ich dachte, ich sei gut darin», sagt Spaldin.