Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Soziale Medien fördern Feigheit

Ansichten
Martin A. Senn

So alle drei, vier Jahre findet in der Schweiz der schlimmste Abstimmungskampf fast aller Zeiten statt. Bei der No-Billag-Initiative war es wieder einmal so weit. Wie zuvor bei der Masseneinwanderungs-Initiative oder der Änderung des Radio- und TV-Gesetzes diagnostizierten manche Auguren die gehässigste Kampagne seit der EWR-Abstimmung von 1992. Zum Beweis führten sie die üblen Beschimpfungen auf, mit denen die Protagonisten auf beiden Seiten in den sozialen Medien eingedeckt wurden. Ohnehin heisst es, werde der Ton in der Politik immer schlimmer.

Ob das stimmt? Neulich habe ich in der Nationalbibliothek zufällig ein paar hundert Jahre alte Zeitungen durchgestöbert. Und zumindest damals war der Ton beileibe nicht freundlicher. Da schrieb beispielsweise die «Berner Tagwacht» über den umstrittenen Oberfeldarzt der Armee: «Zu seiner fachlichen Unfähigkeit gesellt sich ein protziges, herausforderndes Benehmen, das man sich nur aus Mangel an Intelligenz erklären kann.» Und ihr sozialdemokratisches Schwesterblatt, die «Bündner Volkswacht», beschuldigte die Behörden der Unterstützung der «Hurerei», weil sie das grippebedingte Tanzfest-Verbot angeblich nicht durchsetzten.

Das entsprach durchaus dem Ton der damaligen Debatte. Die Zeitungen fielen herzhaft übereinander und über das «politische Personal» her. Für die linken Blätter war eine bürgerliche Zeitung rasch einmal ein «Arbeiterfresserblatt»; umgekehrt sprach man von der «sozialistischen Hetzpresse». Hemmungslos bezichtigte man sich der Lüge und gerne auch noch gleich des «Mangels an guter Erziehung und anständigem Benehmen».

Wobei, zugegeben, mit den sozialen Medien wirklich etwas Neues dazugekommen ist. Alle können sich nun zu allem äussern. Die sozialen Medien sind die neuen Sportgarderoben, Stammtische und Klatschrunden am Arbeitsplatz. Aber sonst hat sich der Mechanismus gar nicht so sehr verändert: Jemand behauptet etwas in der Klatschrunde, ein anderer erzählt es, angeblich empört, weiter: «Hast du schon gehört, was man sich da Grauenhaftes erzählt…?» Und schon geht die Empörungsspirale los, an der am Ende niemand schuld gewesen sein will. Die einen haben es gar nicht so gemeint, und die andern haben ohnehin nichts getan.

Als es noch kein Twitter und keine Hassmails gab, war das Ganze etwas schwerfälliger und unberechenbarer. Wer den politischen Gegner gezielt und rasch angreifen wollte, musste dies deshalb öffentlich tun: an einer Partei- oder Abstimmungsveranstaltung oder mit einem Leserbrief, der von einem Redaktor ausgewählt und redigiert wurde.

Wer früher seinen Gegner verunglimpfen wollte, brauchte also Mut. Er musste seinem Widersacher ins Angesicht sehen – und nicht nur in einen kleinen, scheinbar anonymen Handy-Bildschirm. Die politische Auseinandersetzung ist in den Zeiten der sozialen Medien nicht wirklich gehässiger geworden – nur feiger. Das ist schade, denn die Demokratie lebt vom politischen Streit, von der offenen Kontroverse und auch mal dem persönlichen Angriff. Ein Land, in dem alle brav sind, ist entweder das Paradies – oder eine Diktatur.

Martin A. Senn

Publizist

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.