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SORGENTELEFON: Das letzte Auffangnetz

Seit 25 Jahren wenden sich Kinder und Jugendliche mit ihrem Kummer an Pro Juventute. Im Lauf der Jahre haben sich die Kommunikationsmittel verändert – und auch die Sorgen der jungen Anrufer.
Dominic Wirth
Beatrix Wagner: Seit 13 Jahren bei 147, dem Sorgentelefon von Pro Juventute. (Bild: Urs Lindt/Freshfocus (Bern, 19. Oktober 2017))

Beatrix Wagner: Seit 13 Jahren bei 147, dem Sorgentelefon von Pro Juventute. (Bild: Urs Lindt/Freshfocus (Bern, 19. Oktober 2017))

Dominic Wirth

All der Kummer aus den Schweizer Kinderzimmern landet in einem Berner Altbau, ganz in der Nähe des Bahnhofs. Linoleumboden in Parkettfarbe liegt dort aus, die Wände sind weiss gestrichen. An einem Anschlagbrett hängt ein Blatt Papier, farbige Balken ziehen sich darauf durch die Wochen, ohne Lücke, 365 Tage im Jahr. Jemand muss immer da sein, Heiligabend hin, Silvester her. Denn die Not kennt keine Tageszeit.

Das gilt für die Erwachsenen im Land, aber auch für die Kinder und Jugendlichen. Nirgends wissen sie das besser als bei Pro Juventute, Telefonnummer 147. Seit 25 Jahren gibt es das Sorgentelefon mittlerweile. «Wenn niemand anders mehr da ist, sind wir es noch, wir sind so etwas wie ein Auffangnetz», sagt Beatrix Wagner, eine Frau mit sanfter Stimme und freundlichen Augen. Seit 13 Jahren arbeitet sie schon bei der 147. Sie hat in dieser Zeit miterlebt, wie sich die Ängste, die Nöte und Sorgen der Schweizer Jugend wandeln.

Per Telefon, E-Mail, SMS und Chat

Hinter den Bürotüren im Berner Altbau stehen Topfpflanzen auf Büchergestellen, die Wände sind in warmen Farben gestrichen. Wenn Wagner sich an ihr Pult setzt, die Ohren unter einem Headset, die Augen auf dem Bildschirm, gibt es vier Wege zu ihr: Per Telefon, E-Mail, SMS und Chat. Das war anders, als die 51-Jährige anfing, damals gab es für sie nur ein Werkzeug, ihren Telefonhörer. Den hat sie zwar immer noch, doch die Zeiten ändern sich. Und Pro Juventute versucht, Schritt zu halten. Aus dem Telefondienst ist ein multimediales Kontaktcenter geworden. «Wir müssen dort sein, wo die Jungen sind», sagt Wagner. Pro Tag melden sich über die verschiedenen Kanäle rund 400 Kinder aus der ganzen Schweiz, kostenlos und vertraulich; in Bern landen die aus dem deutschsprachigen Teil.

Immer öfter greifen die Jungen zu SMS, Chat oder E-Mail, wenn sie etwas auf dem Herzen haben. Doch für die Berater sind die Anrufe bis heute am wichtigsten geblieben. Wenn auf Beatrix Wagners Bildschirm das Anruffenster aufblitzt, sie sich mit den Worten «Telefon 147» meldet, weiss sie nie, was sie erwartet. Es kann dann um ein geplatztes Kondom gehen, um die Höhe des Sackgelds oder um den strengen Lehrmeister. Und dann sind da noch die besonders schwerwiegenden Fälle, bei denen es um Gewalt geht, um Selbstverletzungen, Ritzen etwa – oder noch Schlimmeres.

Durchschnittlich zweimal pro Tag melden sich junge Menschen, die nicht mehr weiterleben wollen. Im ersten Halbjahr 2017 drehten sich fünf Prozent der Kontaktaufnahmen um Suizidgedanken. «Wir versuchen dann, ihnen aus dem Tunnel zu helfen, eine Lösung aufzuzeigen», sagt Wagner. In besonders schweren Fällen löst sie eine Krisenintervention aus, das heisst: Sie schickt die Polizei oder die Rettungsdienste los. Einmal wöchentlich muss ein Berater von Pro Juventute zu diesem Mittel greifen. Nicht immer erfährt er danach, ob die Geschichte des Anrufers gut ausging.

Am Nachmittag, wenn die Schule aus ist, melden sich die Jüngsten. Später, wenn die Büros schliessen und die Werkstätten, die Lehrlinge. Und in der Nacht rufen jene an, die keine Ruhe und keinen Schlaf finden. Die unbedingt jemanden zum Reden brauchen. An diesem Takt hat sich nicht viel verändert, doch etwas ist in letzten Jahren passiert: Die Schweizer Jugend klärt ihre Fragen öfter selber, mit ein paar Klicks im Internet. Das zeigt sich etwa beim Thema Sexualität: 2012 drehten sich noch 21 Prozent der Kontaktaufnahmen um dieses Thema, 2016 waren es nur noch 14. Heute wendet sich vor allem an die Nummer 147, wer ein persönliches Problem besprechen will. Dieser Anteil ist im selben Zeitraum von 17,5 auf 25 Prozent gewachsen. Die Telefongespräche dauern heute im Durchschnitt viereinhalb Minuten, fast doppelt so lange wie noch vor ein paar Jahren. Dass diese Zahl nicht höher ist, liegt an den Anrufen, die ganz schnell vorbei sind – aus Jux. Aber auch, weil zuweilen der Mut verschwindet, wenn sich am anderen Ende der Leitung jemand meldet. Für Berater wie Beatrix Wagner bedeutet der zunehmende Redebedarf, dass ihr Job anforderungsreicher geworden ist. «Wir sind heute häufiger als Mensch gefragt, der zuhört. Das scheint den Jungen stärker zu fehlen als früher», sagt sie.

Im Sitzungszimmer in Bern stehen Stühle um einen langen Tisch. Hier feilen die Berater etwa an ihrer Technik, ein Gespräch zu führen. Tauschen sich aus über Fälle, die für sie alleine zu gross sind. An der Wand hinter dem Tisch hängt ein Poster, ein Kind ist darauf abgebildet, auf seinem Rücken ein Rucksack, riesengross. Das Kind bricht beinahe zusammen unter der Last. Es geht auf dem Poster um Druck und Stress und darum, dass diese Dinge heute schon im Kinderzimmer ein Thema sind.

«Die Welt ist so komplex geworden, bietet so viele Möglichkeiten, dass vielen Kindern zusehends der Tag nicht mehr ausreicht», sagt Beatrix Wagner. Sie hat zuweilen 13-Jährige am Telefon, die sich Sorgen machen, weil sie noch nicht wissen, was sie später einmal werden wollen. «Wir beobachten zusehends, dass Eltern ihren Nachwuchs so sehr für die Zukunft wappnen wollen, dass die Kinder nicht mehr Kind sein können», sagt Wagner. Ein Resultat sind Schlafprobleme, die 2014 laut einer WHO-Studie schon 27 Prozent der Schweizer Elfjährigen plagten. 2002 waren es noch 19 Prozent gewesen. Zudem zeigt die Studie, dass die Kinder häufiger nervös oder niedergeschlagen sind.

Immer wieder mal durchatmen

Manchmal, wenn der Tag besonders lang ist und die Sorgen besonders gross sind, legt Beatrix Wagner eine kleine Verschnaufpause ein. Sie setzt sich dann auf ihren Stuhl, zeichnet mit den Armen einen Kreis in die Luft, atmet tief ein. Erst dann fühlt sie sich bereit für das nächste Gespräch. «Es ist wichtig, dass wir frisch und präsent sind. Sonst können wir unseren Anrufern nicht mehr gerecht werden», sagt Wagner. Was in der Gesellschaft passiert, wirkt in die Kinderzimmer. Und von dort auch zu den Beratern beim Telefon 147, deren Job schwieriger geworden ist. Mehr als 60 Prozent arbeitet fast keiner von ihnen, und es gibt unter ihnen einige, die nebenbei einen ganz anderen Beruf haben, Goldschmiedin etwa oder Kinesiologin. Die Psychohygiene, sagt Beatrix Wagner, studierte Sozialwissenschafterin wie alle in ihrem Team, sei wichtig in ihrem Beruf. Vor kurzem hat sie eine dieser Nächte erlebt, in der das Telefon ohne Unterlass geklingelt hat. Da war der Wirtschaftsgymnasiast, der eigentlich kreativ sein will, sich aber davor fürchtet, den Vater zu enttäuschen. Da war die junge Frau, die Geldsorgen hat und sich prostituiert, ohne ihrem Freund etwas zu sagen.

Nach solchen Nächten ist Wagner froh, dass sie eine Stunde heimfahren muss. Sie braucht diese Zeit, um die vielen Geschichten abzustreifen – und sich von der Beraterin wieder in die Privatperson zu verwandeln.

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