Sorgen einer Textildynastie

Stickerei-Geschichten 1: Wie aus der Rheintaler Jacob Rohner AG eine Weltfirma wird, und wie dabei eine mächtige, tief im katholischen Milieu verankerte Frau die Fäden zieht.

Rolf App
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Familienbild mit Patriarchin anno 1951 (v. l.): Cécile und Johann Baptist Manser-Geser, Josy Geser-Rohner, Margrit und Jakob Geser-Nobel, Hedwig und Albert Geser-Degener. (Bild aus: Jolanda Spirig, Sticken und Beten)

Familienbild mit Patriarchin anno 1951 (v. l.): Cécile und Johann Baptist Manser-Geser, Josy Geser-Rohner, Margrit und Jakob Geser-Nobel, Hedwig und Albert Geser-Degener. (Bild aus: Jolanda Spirig, Sticken und Beten)

Eine Reise an die Schauplätze steht am Beginn dieser Geschichte, die vom Aufstieg und Niedergang der Stickerei-Weltfirma Jacob Rohner AG aus Rebstein handelt, vom Auf und Ab der Weltkonjunktur, von raffinierter Heiratspolitik – und von katholischen Verbindungen.

Eine Reise zu den Schauplätzen

Jolanda Spirig holt uns am Morgen in Heerbrugg ab. Sie führt uns nach Widnau in ein Einkaufszentrum, das einmal eine Stickereifabrik war. Sie zeigt uns, wo das Mädchenheim stand, in dem die Arbeiterinnen wohlbehütet vor unerwünschten Liebschaften zu leben hatten. Und bevor wir uns im ehemaligen Verwaltungssitz im Restaurant niederlassen mit seinen drei Uhren, die die Zeit in Sidney, New York und Rebstein anzeigen, steigen wir hoch zu den Villen, die darüber thronen.

In der Mitte findet sich jene von Albert und Josy Geser-Rohner, den prägenden Vertretern der zweiten Generation, rechts jene von Firmengründer Jacob Rohner, links jene von Albert Geser junior, der einmal die Nachfolge an der Spitze der Firma hätte antreten sollen.

Eine erzkatholische Familie

Und in der Fortsetzung das Haus des Dekans, der zweimal die Woche in der Privatkapelle die Messe liest. Zur andern Seite der Friedhof (mit Jacob Rohners schwer zu übersehendem Grabmal) und die von Josy Geser-Rohner durch einen namhaften Betrag ermöglichte Kirche. Die Rohners sind erzkatholisch und auf diesem Feld sehr spendabel. Bischöfe gehen bei ihnen aus und ein – und Eugenio Pacelli, der als Papst Pius XII. nichts gegen den Holocaust unternehmen wird.

Jolanda Spirig erzählt, wie sie zum Thema ihres neuen Buches gekommen ist. Für einen Sammelband soll sie vor ein paar Jahren diese Josy Geser-Rohner porträtieren und findet an Unterlagen fast nichts. Jahre später erfährt sie, dass es da einen Urenkel von Jacob Rohner gibt, der ihr eine Fülle von Briefen und Tagebüchern überlässt. Sie spricht mit ehemaligen Angestellten, studiert wirtschaftliche Zusammenhänge – und komponiert daraus eine farbige Firmen- und Familiensaga. Sie handelt von einer Familie, die sich kaum je im Dorf zeigt – oder höchstens bei der Durchfahrt im Cadillac. Was diese Firma produziert, ist Stickerei von allerschönster Qualität – der Rahmen um diese und die folgenden Seiten stammt aus dem Musterarchiv.

Ein Patriarch alter Schule

Prägende Figur der ersten Generation ist Firmengründer Jacob Rohner, ein Mann mit untrüglichem Gespür für lohnende Geschäfte. 1873 gründet er in Rebstein seine eigene Firma, die Wohlhabenden der Welt sind scharf auf Stickerei. Hergestellt wird sie zu Niedriglöhnen. Im Betrieb tritt er gern als Patriarch alter Schule auf – der etwa eines Tages seinen Angestellten den Zvieri untersagt. Doch die lassen sich ihre Käsekuchen gut getarnt in Stickereischachteln liefern. Erfolgreicher ist Jacob Rohner bei der Nachfolge: Tochter Josy zeigt sich geneigt, den vom Vater unter geschäftlichen Gesichtspunkten ausgesuchten Juristen Albert Geser zu heiraten.

Zusammen übernehmen sie die Leitung der Firma nach Jacob Rohners Tod 1926. Schon neun Jahre später stirbt Albert mitten in einer Stickereikrise. Jetzt führt die unnahbare Josy mit eiserner Energie die Arbeit fort. Albert, ihr ältester Sohn, hat nach dem Wunsch der Mutter eine Frau aus deutscher Familie geheiratet, was sich aber im Zweiten Weltkrieg als Hypothek erweist.

Zumal Alberts Schwiegervater vor den deutschen Finanzbehörden flüchten muss und der Familie fortan auf der Tasche liegt. So kommt das Erbe beim Tod der 79jährigen Patriarchin zu Tochter Cécile Manser-Geser und ihrem Mann. Deren Kinder verkaufen das Unternehmen an den St. Galler Konkurrenten Forster, der die Rheintaler Standorte schliesst.

Josy Geser-Rohners Totenmaske

Es ist beinahe Mittag geworden im Restaurant mit den drei Uhren. Bei sich zu Hause hat Jolanda Spirig Josy Geser-Rohners Totenmaske. Die schwere Bronze zeigt ein fein gefälteltes, Würde und Energie ausstrahlendes Gesicht. «Bleib brav und rein, damit der Segen Gottes auf ihr ruht», hat sie kurz vor ihrem Tod einem Enkel geschrieben, der Geld von ihr will – und ihn zur Sparsamkeit ermahnt.

Jolanda Spirig: Sticken und Beten. Die Textildynastie Jacob Rohner: Familie, Firma, Klerus (1873–1988), Chronos 2015, 277 S., Fr. 38.– Lesungen mit Fotos und Filmausschnitten in Rebstein (3. 11.), St. Gallen (11. 11. und 3. 12.). Weitere Auftritte unter www.jolandaspirig.ch