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SOMMERTHEATER: Tanz zwischen zwei Welten

«Der schwarze Kuss» ist ein Stück über den Stich der Tarantel und den heilenden Tanz, über die Zerrissenheit zwischen zwei Heimaten und die heilende Liebe. In wichtigen Rollen: der Greuterhof Islikon, wilde Musik und ein roter Cinquecento.
Dieter Langhart
Michele (Giuseppe Spina) tanzt zur Musik, der heimlichen Hauptrolle in «Der schwarze Kuss». (Bild: Thi My Lien Nguyen)

Michele (Giuseppe Spina) tanzt zur Musik, der heimlichen Hauptrolle in «Der schwarze Kuss». (Bild: Thi My Lien Nguyen)

Dieter Langhart

dieter.langhart@tagblatt.ch

Nein, solch kaltes Augustwetter kennt Apulien nicht. Die Besucher nehmen in Schal und Mantel Platz, schlingen Wolldecken um ihre Knie. Der Regisseur tritt vor die Tribüne und grüsst und sagt nur «Sommertheater». Lachen. «Wir spielen auch, wenn es regnet.» Applaus. Doch es wird nicht regnen, nicht an der Premiere, nicht in Apulien und nicht in Islikon, und alles wird gut werden in «Der schwarze Kuss». Das Stück erzählt die Geschichte von Michele, der sich auf die Strasse legt und auf den Tod wartet.

Nein, Michele wird nicht sterben, nicht am Stich der Tarantel, nicht an Liebeskummer, nicht an den Jahren in der Fremde. Er wird seine alte Heimat wiedersehen und seinem Enkel die ganze Geschichte erzählen. In der Figur des Michele steckt auch Familiengeschichte, denn Giuseppe Spina ist Secondo, seine Eltern waren aus Apulien in die Schweiz ausgewandert. Er hat das Stück als Hommage an die zwei Heimaten seiner Familie geschrieben, und er spielt die Hauptrolle.

Der Spielort ist zugleich historischer Schauplatz

«Der schwarze Kuss» ist das zweite Sommertheater im Greuterhof zu Islikon nach «Dr. Jekyll und Mr. Hyde». Es ist der ehemaligen Färberei wie auf den Leib geschrieben. Hier wohnten Saisonniers, im Hof standen ihre Autos, darin fuhren sie nach neun Monaten heim, darin kehrten sie im Herbst zurück. Der Hof ist beides: die Piazza der kleinen Stadt Nardò am Stiefelabsatz Italiens und das kleine Islikon neben Frauenfeld im zweiten und dritten Akt. Und die Musik spielt die alles verbindende Hauptrolle.

Michele ist Tabakpflücker wie so viele in Nardò. Er ist traurig – lieber wäre er Schreiner geworden wie sein älterer Bruder Antonio, doch nach dem Tod des Vaters reichte das Geld nicht für zwei Lehren. Micheles Herzdame heisst Luana, sie pflückt Tabak wie er. Morgen, sagt er zum kleinen Marcellino, morgen werde er Luana seine Liebe gestehen und sie mit in die Schweiz nehmen. Denn er hat den Rekrutierer mit dem Megafon auch gehört, als Luana Tabakblätter aufhängte neben ihm: «Hier spricht die Confoederatio Helvetica. Wir suchen Arbeitskräfte. Sichern Sie sich und Ihrer Familie eine Zukunft, die Schweiz braucht Sie.»

Doch als Mamma Rosa verkündet, Antonio werde Luana heiraten, fällt Michele in Ohnmacht. Musiker eilen herbei, denn nur Musik und Tanz können ihm helfen. Er erwacht und sagt, er sei von der Tarantel gestochen worden, aber weil er nicht tanzen kann, muss die Spinne taub sein.

Und Michele legt sich auf die Strasse und wartet auf den Tod. Der kommt als knallroter Cinquecento und überfährt ihn ums Haar. Giuseppe will zurück in die Schweiz, und Michele sieht seine Chance gekommen. Er setzt sich auf den Beifahrersitz, Ziel ist die Teigwarenfabrik in Islikon. Da wartet schon Toni Hermann mit Trompete und Schweizerpsalm, Michele bekommt ein Zimmer im Eckhäuschen, der Wucherpreis ist im voraus zu entrichten. Dann sieht er eine junge Frau auf dem Hof. Sie hört, wie er an einer Holzfigur schnitzt, dem heiligen Josef, Schutzpatron seiner Stadt Nardò, Elisabeth ist blind und sie sagt zu Michele: «Was man in der ersten Nacht im neuen Zuhause träumt, geht in Erfüllung.»

«Der schwarze Kuss» spinnt Micheles Geschichte weiter wie im Zeitraffer, endet zwei Generationen später mit dem Cinquecento, in dem der pensionierte Michele zum letzten Mal heim in den Süden fährt.

Dreistimmig der Gesang, mitreissend die Musik

Regisseur Noce Noseda nutzt jede Ecke, jedes Fenster des Hofes, hält witzige Einfälle parat (denn Sommertheater darf nicht zu ernst sein), hält das Gleichgewicht zwischen Lebensfreude und Melancholie, zwischen Ernst und Übermut. Und er lässt den Darstellern viel Spielraum. Giuseppe brilliert als trauriger und lebensfroher Michele; Joe Fenner ist erst der knorrige Giuseppe und dann der müde gewordene Michele, der zurück in sein geliebtes Nardò will. Silvana Peterelli verbindet sachte Luana mit Elisabeth; Jan Hubacher variiert zwischen Rekrutierer, Coiffeur Luigi und Toni Hermann; Carin Frei ist Mamma Rosa, und Nemo (ihr und Noce Nosedas Sohn), knapp 14, gibt den frischen Marcellino.

Wenn aber Giuseppe Spina, Silvana Peterelli und Jan Hubacher italienisch singen, perfekt dreistimmig, hält das Publikum den Atem an – sie sind Mitglieder des A-cappella-Theaters Zapzarap. Und wenn Salvatore Alessio mit seiner Banda Skarkanizzi Akzente im Stück setzt, mit Akkordeon, Tamburetti und Gesang, dann möchten die Zuschauer von ihren Sitzen springen und tanzen.

Weitere Vorstellungen: Di–Sa, 15.–19./22.–26.8., 20.30 Uhr. theaterwerkstatt.ch

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