Sommerfrische mit Turbulenzen

«Ein Sommer am See» ist eine schöne Reminiszenz an die soeben zu Ende gegangene Ferienzeit. Der mehrfach preisgekrönte Comic ist eine sommerlich leichte Geschichte über die Zeit zwischen Kindheit und Erwachsenwerden. Und erinnert oft an eine Manga-Tradition, wie sie einst Katsuhiro Hokusai begründete.

Hans Keller
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Legende (Bild: pd/Reprodukt)

Legende (Bild: pd/Reprodukt)

Es ist ein opulenter Band: «Hokusai Manga» versammelt auf rund 600 Seiten Ausschnitte aus fünfzehn Manga-Heften, in denen der japanische Künstler Katsuhiro Hokusai (1760–1849) zeichnerisch alle möglichen Aspekte des japanischen Lebens seiner Epoche festhielt. Mönche beim Brettspiel, sich räkelnde Kurtisanen, Gerätschaften aus Haus und Hof, verrückte Heilige, Strassenartisten, Pflanzen und Tiere. Für Hokusai war alles der Darstellung würdig. Er hat mit seinem Werk auch den Begriff «Manga» (Skizze) für Hunderte von Nachfolgern geprägt, die später daraus eine grandiose japanische Comic-Kultur entwickelten. Besonders die sogenannten Gekiga-Manga mit ernsthaften Inhalten lassen sich nicht selten von Hokusais Ästhetik herleiten.

Jährliche Ferienfreundschaft

Das gilt auch für den Comic «Ein Sommer am See». Der Band ist eine Zusammenarbeit zwischen der japanischstämmigen kanadischen Texterin Marika Tamaki und ihrer zeichnenden Cousine Jillian Tamaki, die in Brooklyn lebt. Die Dramaturgie des Plots und die Ästhetik tragen japanische Züge, und es ist schlicht erstaunlich, was die beiden Autorinnen aus den psychologischen Tiefen und Untiefen eines Sommerferienaufenthalts ihrer Protagonisten heraufbeschwören. Beim jährlich gleichen Ferienziel handelt es sich um einen kanadische See, wohl um den Lake Huron, da eine Hauptattraktion in Awago Beach ein nachgebautes Huronendorf ist. Die zum Teenager herangewachsene Rose freut sich auf die kleinere Windy, die dann jeweils zu ihrer Ferienfreundin wird. Menschen entwickeln sich jedoch gerade in der Pubertät sehr schnell, und man lebt sich dabei nicht selten auseinander. So bekundet Rose zunehmend Mühe mit den kindischen Scherzen der quirligen Windy. Zudem kommen Roses Eltern dieses Jahr nicht miteinander aus; der Vater fährt in die Stadt und spricht nach der Rückkehr nur noch das Notwendigste mit seiner Frau.

Meisterhaft gezeichnet

Die Alltagsgeschichten aus der Sommerfrische des Mittelstands, die sich zwischen Strand und Ferienhäusern abspielen, erhalten durch eine clevere Dramaturgie sowie die brillanten, dynamischen Zeichnungen die Spannung eines Action-Comics. Und sie erinnern tatsächlich an Katsuhiro Hokusai; jene Doppelseite etwa, auf welcher Windy in unzähligen Verrenkungen um einen Tisch herum tanzt, evoziert ein grosses Hokusai-Blatt mit rasenden Tänzern und Schimmern im von Wellen gepeitschten Wasser. Die Szenen in und um den See sind generell von grosser Attraktivität: Das Wasser bauscht sich ornamental um die tauchenden, gestikulierenden und schwimmenden Figuren, deren Mienenspiel ähnlich wie bei Hokusai die Erzählung entlang wechselt. Ein Meisterstreich.

Hokusai Manga, zweifarbig, englische Begleittexte, PIE International Books, 600 S., Fr. 60.- Marika Tamaki & Jillian Tamaki: Ein Sommer am See, s/w, Reprodukt, 320 S., Fr. 41.50