Solo erlebt man mehr

Die Schwerelosigkeit fern von Bekannten

Beda Hanimann
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Die Piazza del popolo in Anghiari straft ihren Namen Lügen, sie liegt menschenleer. Nur das Krächzen der Schwalben und das Scheppern einer ­Kaffeemaschine. Plötzlich aber streben Leute herbei und verschwinden in der Musikschule. Nach einer Viertelstunde sind sie wieder da, jeder mit einem Wasserfläschchen und Röhrchen. Schon Pause, denke ich, aber das ist es nicht, sie blasen ins Röhrchen, summen dazu, eine Atemübung, irgend so etwas. Mich schaudert, das ist die per­fekte Karikatur von Gruppenferien, «Singen in der Toscana».

Sie werden schwärmen hernach, und ich gönne es ihnen. Aber mein Ding ist das nicht, Ferien mit anderen zu ver­bringen. Ich bin überglücklich, allein auf meiner Bank in einer Ecke der Piazza, wo ich mein Buch zuklappen kann, wenn ich will. Wo ich noch eine Stunde sinnieren – oder kurz entschlossen in die Bar hinüberwechseln kann, wenn mir danach ist. Ob mit der Partnerin oder in einer Gruppe, das bedeutet ja zwangsläufig, dass man sich von morgens bis abends auf Programme und Zeitpunkte einigen muss. Davon aber habe ich zu Hause im Arbeitsalltag genug, davor fliehe ich ja gerade in die Ferien. Ich bin in Volterra einmal mit einem Beizer ins Gespräch gekommen. Eine schillernde Figur, hatte seinen Dienst als Polizist quittiert, um die Beiz und ausserhalb der Stadt ein Weingut zu übernehmen. Auf dieses lud er mich ein, um drei am andern Tag wollte er mich abholen. Ich freute mich, doch gleichzeitig machte sich ein Unbehagen breit. Ein Termin, mitten in der Schwerelosigkeit der Ferien, das empfand ich plötzlich als Belastung.

Ferien sind Distanznahme vom Alltag. Das geht am besten allein. An einem Ort, an dem man niemanden kennt. Und an dem einen niemand kennt. Bin ich mit Bekannten aus dem alltäglichen Umfeld auf Reisen, dann schleppe ich auch den ­ganzen Ballast aus jener Welt mit. In Poschiavo habe ich einmal den Dialog eines Paares am Nebentisch mitbekommen. Es ging um gemeinsame Erlebnisse, sie fragte: Erinnerst du dich? Er zählte auf, sie fuhr ihm stets dazwischen, nein, das meine ich nicht, siehst du, du kannst dich nicht erinnern, du kannst dich nie erinnern! Du meine Güte, dachte ich, was müssen das für anstrengende Ferien sein, wenn man stets darauf achten muss, sich das Richtige zu merken! Ich sass abseits, glücklich, zu denken und zu sehen, was ich wollte.

Und ich finde ausserdem: Man sieht mehr, wenn man allein ist. Im Wissen, auf sich gestellt zu sein, ist man aufmerksamer, wacher, man muss sich schliesslich selber zurechtfinden. Ich vergesse nicht mehr jene Männergruppe auf der Piazza Duomo von Syrakus, auf diesem Platz aller Plätze, wo man einfach nur den Atem anhalten und staunen will. Aber die Männer hatten kein Auge für die Grandiosität des Platzes, sie sassen hinter ihren Heineken-Kübeln und verhandelten, wo in Recklinghausen man die besten Küchenmesser bekommt.

Einmal war ich mit einer Gruppe in Barcelona, eine Reise mit Journalistenkollegen. Anregende Gesellschaft, tolles Programm, aber immer hiess es gleich wieder: Einsteigen in den Bus, nächste Sehenswürdigkeit. Ich kam mir vor wie eine ein­gesperrte Katze, die hinter dem Stubenfenster dem Treiben der Vögel im Garten zusieht. Was für eine Sehnsucht, ­allein zu sein, mich treiben zu lassen.