«Soll ich den perfekten Mann suchen?»

Diana Hagmann-Bula
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Wenn das zu Ende gehende Jahr eine Mahlzeit wäre, würde ich es so beschreiben: als Speise, die lieblich hätte herauskommen sollen, aber zu viele Bitterstoffe abbekommen hat. Es war ein Jahr mit vielen Paradoxen. Da die Flüchtlingskrise mit ihrem Elend, dort die Fussball-Europameisterschaft mit ihren Partys. Das ist mir eingefahren. Für die Sendung «Gülsha folgt dir» bin ich selber nach Griechenland gereist. Ich habe gesehen, was die Menschen erwartet, wenn sie in Europa ankommen. Sie leben auf dem Boden in Zelten. Das Essen, das sie bekommen, schmeckt nach nichts. Einer Mutter steht für ihr Kleinkind nur eine Windel pro Tag zur Verfügung.

Ich bin ohne Kamera nach Griechenland zurückgekehrt und habe als Freiwillige in einem Flüchtlingscamp gearbeitet. Nach dem Aus des Jugendsenders Joiz im August hatte ich Zeit für solche Projekte. Für eine Freundin, der es an Personal fehlte, habe ich in Zürich vegane Döner gerollt. Ich verzichte selber auf tierische Produkte. Und ich ärgere mich, wenn man glaubt, ich ernähre mich nur so, weil Veganismus im Trend liegt.

Wochenlang nur im Bett

Persönlich hatte ich das entspannteste Jahr seit langem. Der Produktionsstress fiel weg. Ich schrieb zwar Kolumnen, hatte daneben aber viele Freiheiten. Daran musste ich mich gewöhnen. Es gab Phasen, da lag ich wochenlang nur im Bett und habe Netflix geschaut. Schliesslich habe ich mir vorgenommen, täglich früh aufzustehen, dreimal pro Woche zum Sport zu gehen. Das gab wieder Struktur. Doch ich stecke nach wie vor in der Quarterlife-Krise, die typisch ist für meine Generation Y. Alles ist möglich, nichts muss. Soll ich in Südamerika Alpakas reiten, den Master in irgendetwas absolvieren, den perfekten Mann suchen, um mit ihm Babys zu produzieren? Darum geht es auch in meinem Bühnenprogramm «D Gülsha Adilji zeigt ihre Schnägg». Ich verarbeite darin die mickrigen Probleme von mir und meinen Freunden, gehe im Februar auf Tournee und will herausfinden, ob ich auf die Bühne gehöre.

Hätte ich einen Zauberstab, würde ich mir für 2017 wünschen, dass wir unsere Aufmerksamkeit verschieben. Wenn wir immer nur von Terrorismus sprechen, fühlen wir uns irgendwann tatsächlich bedroht und verhalten uns entsprechend. Ich würde mir wünschen, dass die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten sich als schlechter Witz erweist. Und ich würde mir wünschen, dass ich den Zuschauern meines Programms vermitteln kann, dass wir alle gleich orientierungslos sind. Dass es irgendwann vorbeigeht. Das hat mir zumindest eine Psychologin nach einer Podiumsdiskussion prophezeit.

Notiert: Diana Hagmann-Bula