So kam der Tod nach Sheffield

Heute vor 25 Jahren kam es zur Katastrophe im Hillsborough-Stadion in Sheffield: Mit Liverpool erinnert sich ganz Fussball-England an die 96 Todesopfer. Neue Ermittlungen sind aufgenommen worden. Im Focus die damaligen Polizeiführer.

Sebastian Borger
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Panik im Fussballstadion: Vor 25 Jahren kam es zur grössten Sportkatastrophe in England. (Bild: epa)

Panik im Fussballstadion: Vor 25 Jahren kam es zur grössten Sportkatastrophe in England. (Bild: epa)

Auf dem Rasen des Stadions Hillsborough in der nordenglischen Industriestadt Sheffield hat ein Spieler des FC Liverpool gerade einen Schuss gegen die Querlatte gedonnert, Nottingham Forest antwortet mit einem schnellen Gegenzug. Der Kommentator der BBC freut sich an einem munteren Pokal-Halbfinale. Was am Spielfeldrand geschieht, nimmt er gar nicht zur Kenntnis: Uniformierte laufen auf und ab, hinter dem Tor des Liverpool-Keepers Bruce Grobelaar erklimmen Fans die übermannshohen Zäune. Erst als um 15.06 Uhr an diesem 15. April 1989 ein hoher Polizeibeamter zum Schiedsrichter eilt und dieser die Partie abbricht, erhalten die Zuschauer an den Fernsehschirmen eine Ahnung vom Ernst der Lage. Es gebe da Probleme mit den Zuschauern, sagt der Kommentator. «Das Spiel muss unterbrochen werden, bis die Polizei von Süd-Yorkshire die Probleme bewältigt hat.»

Erdrückt, zerquetscht, zu Tode getrampelt: Die Tragödie im Fanblock des Hillsborough-Stadions nimmt ihren Lauf. (Bild: Keystone)
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Auch Jahre nach der Stadionkatastrophe trauern Menschen jedes Jahr Mitte April um die 96 toten Fans. (Bild: Keystone)
Auch am 25. Jahrestag der Katastrophe bleibt die Erinnerung an die Opfer lebendig. (Bild: Keystone)
Verzweifelt versuchen Zuschauer, die überfüllte Tribüne zu verlassen. (Bild: Keystone)
Verwundete Fans werden auf dem Rasen gepflegt. (Bild: Keystone)
Rettungskräfte tragen einen Verletzten weg. (Bild: Keystone)
Vier Tage danach: Trauer im Stadion von Liverpool um die Fans, die beim Auswärtsmatch in Sheffield ums Leben gekommen sind. (Bild: Keystone)
Die meisten der gestorbenen Anhänger kamen aus Liverpool - dementsprechend gross war die Trauer im Verein. (Bild: Keystone)
Spuren des Todesdramas im Hillsborough-Stadion von Sheffield. (Bild: Keystone)
Zwei Tage nach dem verhängnisvollen Match zwischen Nottingham Forest und Liverpool: Schals und Blumen vor dem Hillsborough-Stadion. (Bild: Keystone)
"You'll Never Walk Alone": Die Liverpool-Hymne passt auch, um der Opfer der Stadiontragödie zu gedenken. (Bild: Keystone)
Auf einem Gedenkstein sind die Namen und das Alter der fast 100 Todesopfer verewigt worden. (Bild: Keystone)

Erdrückt, zerquetscht, zu Tode getrampelt: Die Tragödie im Fanblock des Hillsborough-Stadions nimmt ihren Lauf. (Bild: Keystone)

Zusammengepresst, niedergetrampelt

Heute wissen wir: Alles an diesem Satz war falsch. Nicht die Zuschauer waren das Problem, sondern die fahrlässige Vorbereitung und das katastrophale Krisenmanagement der örtlichen Polizei. Das Spiel war unwiderruflich zu Ende, bald herrschte auf dem Rasen tödlicher Ernst: Verzweifelt versuchten Sanitäter und Hilfswillige, bewusstlose Fans ins Leben zurückzuholen. Aus der Stehplatztribüne wurden immer mehr Todesopfer geborgen. Sie waren im viel zu engen Fanblock erstickt, zusammengepresst oder niedergetrampelt von anderen panischen Fussballfans. Hunderte trugen an jenem Nachmittag schwere körperliche oder psychische Verletzungen davon. 96 Menschen zwischen 10 und 67 Jahren starben.

Den «96 im Himmel» gedacht

Am vergangenen Wochenende haben in vielen englischen Arenen die Fans jener «96 im Himmel» gedacht, von denen Liverpools derzeitiger Trainer Brendan Rodgers spricht. Die Partien begannen um 7 Minuten nach der vollen Stunde – sechs Minuten symbolisierten die Spieldauer in Hillsborough, hinzu kam eine Schweigeminute. Im Nationalstadion Wembley, wo mittlerweile alle Pokal-Halbfinale ausgetragen werden, blieben symbolisch 96 Plätze frei, drapiert mit dem knallroten Jersey des FC Liverpool.

«Ich spiele für Jon-Paul»

In dessen Heimarena Anfield fiel das Gedenken besonders emotional aus, nicht zuletzt weil es anschliessend den Spielern um Kapitän Steve Gerrard gelang, auf dem Weg zur ersten Meisterschaft seit 1990 den schärfsten Rivalen Manchester City mit 3:2 zu besiegen. Gerrard standen beim Schlusspfiff Tränen in den Augen. Für den 33-Jährigen gebürtigen Liverpooler hat das Hillsborough-Desaster eine persönliche Komponente: Sein damals 10jähriger Cousin Jon-Paul Gilhooley war das jüngste Opfer, Gerrards Autobiographie (2006) endet mit dem Satz: «Ich spiele für Jon-Paul.»

Da wird der Schock deutlich, den die Stadt am Mersey-Fluss durch das Unglück von Hillsborough erlitt. Die Region Merseyside um Liverpool war zwar durch langanhaltende Strukturkrisen zu den damals ärmsten EU-Gegenden herabgesunken. Dem Selbstbewusstsein der Einheimischen konnte dies aber nichts anhaben. Was kümmerte es die Liverpooler, dass sie keine gute Presse hatten in den nationalen Medien? Die Journalisten in London spiegelten das Misstrauen des englischen Establishments wider gegen die stark von katholischen Einwanderern aus Irland geprägte Stadt – «eine stolze, angeberische keltische Stadt mit grossen Ambitionen», wie es der lokale Autor Ronnie Hughes ausdrückt. Liverpool blieb eine Hochburg militanter Gewerkschaften, die sich der konservativen Premierministerin Margaret Thatcher widersetzten. Dass ausgerechnet der FC Liverpool in den zehn Jahren vor Hillsborough siebenmal englischer Meister geworden war – gab das nicht ein schönes Symbol her für die Widerstandskraft der Stadt?

Die Opfer zu Tätern gemacht

Über die Jahre haben immer neue Untersuchungen, zuletzt unter Vorsitz des Liverpooler Bischofs James Jones, ergeben: Die Westtribüne an der Leppings Lane war für die Fans des Rekordmeisters viel zu klein. Weil es zu wenig Eingänge gab, stauten sich 30 000 Menschen vor dem Stadion, eine Massenpanik lag in der Luft. Da öffnete die Polizei die Tore zur Tribüne. Massenhaft fluteten auch Liverpool-Anhänger ohne Tickets ins Stadion. Eine Welle von Fans brandete gegen die starren Stahlzäune am Spielfeldrand – so kam der Tod nach Sheffield.

Die Tragödie von Hillsborough gehört zu einer Serie von Skandalen, in denen die für untadelig gehaltene britische Polizei bis heute ganz schlecht aussieht. Das liegt zum einen an der mangelnden Vorbereitung auf das Spiel. Vor allem aber wurden anschliessend die Opfer zu Tätern gemacht.

41 Opfer, so hat es die Kommission von Bischof Jones festgehalten, hätten womöglich gerettet werden können. Dutzende von Zeugenaussagen wurden durch die Polizei unterschlagen, eigene dienstliche Mitteilungen gefälscht oder vernichtet. Der Bericht des Gremiums führte 2012 zu einer Entschuldigung des Premierministers David Cameron bei den Angehörigen der Verstorbenen. Für ein neues gerichtliches Todesermittlungsverfahren hat das britische Justizministerium im nahe Liverpool gelegenen Warrington eigens den grössten Verhandlungssaal des Landes bauen lassen. Wenn die Geschworenen gegen Ende des Jahres ihr Urteil abgeben, könnte es doch noch zu Anklagen gegen beteiligte Polizeiführer kommen. Bis sich die Wunde von Hillsborough schliessen kann, werden noch Jahre vergehen.

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