Singen im Regen

Mal ehrlich: Haben Sie heute auch schon über das Wetter gejammert? Gleich nach dem Aufstehen trübsinnig aus dem Fenster gestarrt und sich gefragt, ob es in diesem Jahr noch etwas wird mit Frühling oder Sommer? Die Zeitungslektüre mit einer anderen Seite dieses Bundes begonnen, obwohl es doch

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Für Bettina Kugler (Bild: (21189810))

Für Bettina Kugler (Bild: (21189810))

Mal ehrlich: Haben Sie heute auch schon über das Wetter gejammert? Gleich nach dem Aufstehen trübsinnig aus dem Fenster gestarrt und sich gefragt, ob es in diesem Jahr noch etwas wird mit Frühling oder Sommer? Die Zeitungslektüre mit einer anderen Seite dieses Bundes begonnen, obwohl es doch wahrlich buntere gibt im Blatt? Tja, dann haben Sie die besten Jahre leider hinter sich.

Keinem Kind käme es in den Sinn, auf der tropfnassen Schaukel vor dem Chindsgi über den Dauerregen zu klagen, womöglich noch zusammen mit den Gspänli. Auch würde es niemals heute schon schauen, ob morgen die Sonne scheint. Kinder halten es mehr mit Karl Valentin und freuen sich über Regen. Denn dem Regen ist's schliesslich wurscht, ob wir uns freuen oder nicht. Warum nicht einfach den Tag auf sich regnen lassen und ihn nehmen, wie er kommt? Statt gleich nach den Traueranzeigen die Wetterkarte aufzuschlagen, die Stirn zu runzeln und weiterzumachen mit dem lauwarmen Leben?

Rein in die nächste Pfütze!

Während ich darüber nachdenke, schön im Trockenen, wenn auch mit feuchten Haaren vom Weg zum Kindergarten und retour, stapft das Kind gerade im strömenden Regen waldeinwärts. Und das ist gut so. Zumindest hat es noch nie, wenn wir zusammen unterwegs waren, eine sich bietende Pfütze ausgelassen. Ob nun mit oder ohne Matschhose und Gummistiefel.

Jeder Wolkenbruch, jedes Gewitter mit Blitz und Donner, jeder Regenbogen und erste Schneefall kann bei unseren Töchtern helles Entzücken wachrufen, eine für unsereinen fast beängstigend archaische Verbindung zur Natur herstellen. Sie sind dann nicht mehr zu halten, stürmen aus dem Haus, bei Wärme bevorzugt fudiblutt. Wozu wohnt man in einer Seitenstrasse? Aufdringliche Blicke sind nicht zu befürchten; wer vernünftig ist, setzt jetzt freiwillig keinen Fuss vor die Tür. Und wenn doch, dann verschanzt unter einem riesigen Schirm.

Singen und Freudentänze im Regen? Das gibt es nur im Schlager. Oder bei Kindern unter zehn. Wir anderen fürchten von jedem Regentropfen, dass er uns erschlagen könnte. Schliesslich werden wir noch gebraucht. Schwer tragen wir an der Verantwortung. Und an Regenschirmen.

«Gott duscht gerade!»

Dabei hilft uns ja manchmal der Zufall, es selbst wieder einmal zu spüren: Wie leicht sich das Leben anfühlt, wenn man nicht mehr nasser werden kann. Wie aufregend es ist, mit Donner und filmreifen Blitzen vom Strand gepeitscht zu werden. «Gott haut mit dem Hammer!», rief das Kind da, ganz aus dem Häuschen. Oder ein andermal, früh am Morgen, wir hatten noch nicht den Radio-Wetterbericht gehört: «Der liebe Gott duscht gerade!»

Das tut er derzeit ausgiebig, ich weiss. Ist es nicht trotzdem schön? Ein fröhliches Liedchen, wenigstens ab und zu, wäre es wohl wert.

Bettina Kugler