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SEXUELLER MISSBRAUCH: Der Zeitgeist rechtfertigt nichts

Mit Jürg Jegge steht eine Galionsfigur der Reformpädagogik im dunkelsten Zwielicht. Den Journalisten Christian Füller erstaunt dies nicht. Er hat den Missbrauch in Protestbewegungen untersucht.
Rolf App
Im "grün-linken Kuchen" habe man damals diskutiert, dass die mentale Befreiung mit der sexuellen Befreiung einhergehe, rechtfertigt sich Jürg Jegge. (Bild: Archiv/Keystone)

Im "grün-linken Kuchen" habe man damals diskutiert, dass die mentale Befreiung mit der sexuellen Befreiung einhergehe, rechtfertigt sich Jürg Jegge. (Bild: Archiv/Keystone)

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@tagblatt.ch

Der Blick in den Spiegel ist nicht immer angenehm. Wenn er ehrlich ist, muss er dem 73-jährigen Jürg Jegge in diesen Tagen besonders schwer fallen. Tag um Tag melden sich neue Opfer sexuellen Missbrauchs, die den ehemaligen «Lehrer der Nation» zum Buhmann machen. Gestern verabschiedete sich eines dieser Opfer mit einem Offenen Brief im «Blick» von ihm. «Du hast so viele Seelen aufs Übelste missbraucht und verletzt», schreibt dieser ehemalige Mitarbeiter von Jegges pädagogischer Vorzeige-Institution «Märtplatz». «Du hast Dein perfides Netz langsam um mich gespannt, mich lange im Glauben gelassen, Du seist integer, und als Du gewusst hast, dass Du mein Vertrauen hast, da hast Du zugeschlagen.»

«Du hast gewusst, dass wir psychisch instabil waren»

Jegge habe von seinen Schützlingen «gewusst, dass wir psychisch mehr oder weniger instabil waren». Gleichwohl sei er in Salzburg, als sie beide sturzbesoffen gewesen seien, über ihn hergefallen. Streicheltherapie habe sich das genannt. «Aber warum hast Du versucht, mich an den Genitalien zu streicheln? Und warum hast Du versucht, mich immer wieder zu küssen?»

Was mit der Präsentation des Buchs eines ehemaligen Schülers vor einer Woche begann, das ist lange her. Etwas bricht auf, was lange verschüttet war. Christian Füller erstaunt das nicht. In «Die Revolution missbraucht ihre Kinder» hat der Journalist 2015 die sexuelle Gewalt in deutschen Protestbewegungen untersucht. «Es dauert grundsätzlich lange, bis Opfer sexualisierter Gewalt ihr Schweigen brechen», erklärt er heute, da er vom Fall Jegge erfährt. Und zwar vor allem dort, wo dieser Missbrauch «unter dem Dach einer Ideologie wie der Reformpädagogik oder der sexuellen Befreiung der 68er stattfindet. Dort fällt es noch schwerer, die Wahrheit zu sagen. Denn der Missbrauch wird ja von diesen Ideologien überhöht und zu etwas vermeintlich Gutem gemacht.»

Warum ist die Reformpädagogik so anfällig?

Die Reformpädagogik sei anfällig für sexualisierte Gewalt, weil sie den pädagogischen Eros der alten Griechen direkt in ihr Konzept aufgenommen habe. In der lange berühmtesten deutschen Schule, der Odenwaldschule, führte die «Nähe zum Kind» direkt in die Katastrophe. Ein halbes Dutzend päderastischer Lehrer verging sich unter dem Label des pädagogischen Eros an Schülern. Obendrein lebten Lehrer und Schüler in Internatsfamilien zusammen. «Das Problem der Reformpädagogik ist grundsätzlich, dass sie das Kind in den Mittelpunkt stellt und dabei behauptet, Lehrer und Schüler begegneten sich auf Augenhöhe», sagt Christian Füller. «Diese vermeintliche Gleichberechtigung führt nicht notwendig zum Missbrauch – aber sie öffnet übergriffigen Lehrern Tür und Tor.»

Seine Motive hat Jürg Jegge selber vier Tage nach der desaströsen Buchveröffentlichung in mehreren Interviews dargelegt. «Ich wäre strafrechtlich schuldig, wenn das nicht verjährt wäre», gestand er in der NZZ ein, dabei war nach Ansicht der Journalisten «von Einsicht oder Reue wenig zu spüren». Die Verantwortung schob er dem Zeitgeist zu. «Im grün-linken Kuchen der 70er-Jahre und in pädagogischen Kreisen wurde diskutiert, dass eine mentale Befreiung mit der sexuellen Befreiung einhergeht. Das war der Grund, warum ich solche Sachen ausprobiert habe.»

Man dürfe solchen Rechtfertigungen nicht glauben, erklärt Christian Füller sehr entschieden. «Wir müssen sie endlich durchschauen und ihnen den Heiligenschein herunterreissen.» Jeder Missbraucher rechtfertige den Übergriff oder die Vergewaltigung eines Kindes vor sich. Er sieht in Jürg Jegge einen «Kronzeugen, der offen zugibt, was in den 70ern und noch in den 80ern Alltag war: Dass es ganz normal gewesen sein soll, ‹Sex mit einem Kind› zu haben. Diesen Sex aber gibt es nicht, das ist sexualisierte Gewalt.»

Warnende Stimmen gab es, sie wurden unterdrückt

Er habe diese «grauenhafte Idee» bei den Recherchen zu seinem Buch in den Kinderläden entdeckt: «Dort diskutierten Leute, die heute zum Teil sehr berühmt sind, offen darüber, dass die Kinder beim Sex mindestens zuschauen sollten.» Heute seien diese Kinder aus den Kinderläden erwachsen «und tun sich wahnsinnig schwer damit, zu sagen, wie einsam und benutzt sie sich damals fühlten». Warnende Stimmen habe es gegeben, aber sie seien marginalisiert worden. «Die Feministinnen haben auch an den Übergriffen der 68er-Männer gesehen, wie sehr Macht und Sexualität zusammenhängen», erklärt Füller. «So ist aus dem Feminismus eine ganze Kultur von Anti-Missbrauchseinrichtungen entstanden.»

Dass unsere Zeit sensibler reagiert, ist freilich an sich kein Schutz. Denn, sagt Christian Füller, es gebe mittlerweile «eine Form von Sexualisierung und Gewalt, die alles bisher Dagewese-ne verändert, sie findet im Netz statt». Sie werde «versteckt und beschützt durch die Ideologie vom demokratischen Netz, das nicht zensiert werden darf». So kann immer wieder passieren, was damals geschah. «Missbrauch ist überall, wo Kinder sind», sagt Christian Füller mit Blick auf Sportvereine, reformpädagogische Vorzeigeinstitutionen und die katholische Kirche. Sie alle müssen «kapieren, was Nähe zum Kind bedeutet».

Das Kapieren setzt das Aufklären voraus. Jürg Jegges Verfehlungen mögen verjährt sein, untersucht werden müssen sie trotzdem – auch wenn es weh tut. Dass diese Aufklärung einen schweren Stand haben kann, hat Christian Füller bei seinen Recherchen festgestellt. «Im grünen Milieu von Berlin-Kreuzberg wurde in den 80ern schwerster Missbrauch mit Kinderpornografie bis zu Kinderprostitution betrieben. Die Grünen haben aufgeklärt bis zu dem Punkt, wo es richtig weh tat: Als ein Zeuge berichtete, dass die Jungen zum Bahnhof Zoo und auch in andere Landesverbände gekarrt wurden, um dort missbraucht werden zu können, wurde diese Aussage einfach nicht in den Schlussbericht aufgenommen.»

Anders hat nach den Missbrauchsfällen an der Odenwaldschule der deutsche Verband der Freien und Alternativschulen reagiert: «Er fordert von seinen Lehrern Fortbildung, um deutlich zu machen, dass eine Beziehung zum Kind ein professionelles pädagogisches Verhältnis sein muss und keine erotischen Komponenten enthalten darf.»

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