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SEXUALITÄT: Die Wahrheit über weibliche Lust

Die Klitoris spielt in der sexuellen Selbstbestimmung der Frau eine wesentliche Rolle, ist aber noch weitgehend unbekannt. Die feministische Comiczeichnerin Liv Strömquist hat ein bissiges Buch darüber gemacht.
Sarah Coppola-Weber
Post für die Ausserirdischen: 1972 schoss die Nasa Menschenbilder ins All. Während beim Mann ungeniert ein Penis baumelt, ist das Genital der Frau nicht einmal als Schlitz dargestellt – sondern als dreieckiges Stück Haut wie bei einer Schaufensterpuppe. (Bilder: Liv Strömquist)

Post für die Ausserirdischen: 1972 schoss die Nasa Menschenbilder ins All. Während beim Mann ungeniert ein Penis baumelt, ist das Genital der Frau nicht einmal als Schlitz dargestellt – sondern als dreieckiges Stück Haut wie bei einer Schaufensterpuppe. (Bilder: Liv Strömquist)

Sarah Coppola-Weber

Als sie festgestellt hat, dass zur Kulturgeschichte der Menstruation und zur weiblichen Sexualität kaum Informationen aufzutreiben sind, widmete die schwedische Comiczeichnerin Liv Strömquist diesem Thema ein bissiges und lehrreiches Buch. Die Politikwissenschafterin, Radiomoderatorin, zweifache Mutter und einflussreiche feministische Comiczeichnerin zeigt darin etwa auf, wie die Vulva im Laufe der Geschichte in Medizin und Kunst dargestellt wurde – eine wütende Anklage und humor­volle Abrechnung.

Das Buch «Der Ursprung der Welt» ist kürzlich beim Avant-Verlag auf Deutsch erschienen. «Es ist mir wichtig, aufzuklä­ren, woraus die weiblichen Geschlechtsorgane bestehen und wie der weibliche Körper funktioniert», sagt die 39-jährige Autorin. Man kennt von der Klitoris vor ­allem die perlenförmige Eichel am oberen Ende der Scheide, das Organ selbst ist vielen unbekannt.

Erst 1998 rückte die australische Urologin Helen O’Connell die «Perle mit Tiefgang» anatomisch ins rechte Licht: Sie erbrachte den Beweis, dass das erektile Gewebe der Klitoris ein Volumen besitzt, das zehnmal grösser ist als bis anhin angenommen. Zudem fand sie heraus, dass Vaginalwand und Klitoris praktisch eine Einheit bilden und dass die «Perle» nur das Tüpfelchen auf dem i ist. Eine wichtige Erkenntnis, die es noch nicht einmal in alle Schulbücher geschafft hat.

Weiblicher Körper ist mit Scham behaftet

In ihrem Comic gibt Liv Strömquist unverblümt Auskunft über die Tabuthemen. Auslöser dafür wa­ren ihre Menstruationsschmerzen im Teenageralter: «Ich sass gekrümmt vor Schmerzen im Klassenzimmer und schämte mich, der Lehrerin zu sagen, warum es mir schlecht ging.» Erst Jahre später erkannte sie, dass diese Scham vererbt ist. «Während meiner Recherchen ist mir auf­gefallen, dass die Scham hauptsächlich mit dem weiblichen ­Körper verbunden ist.» Es gebe allerdings einen Unterschied ­zwischen Scham und Schuld: Schuld fühle man sich wegen ­etwas, das man getan hat, Scham wegen etwas, was man selber ist.

Das Buch hat hohe Wellen geschlagen: Einerseits wurde es in Schweden und Deutschland gut aufgenommen – viele schwedische Frauen gingen auf die Autorin zu, um mit ihr über die Menstruation zu sprechen und kauften das Buch für ihre Töchter. Andererseits ­löste besonders eine Darstellung Entrüstung aus: Sie zeigt eine Eisläuferin mit einem Flecken Menstruationsblut zwischen den Beinen. Jemand hatte auf einem Plakat ein Höschen darüber gezeichnet. «Warum muss etwas so Natür­liches versteckt werden?», fragt sich Liv Strömquist. In Schweden zeigen Frauen kaum Schwäche während prämenstruellen Syndromen oder einer anstrengenden Schwangerschaft. «Die Frau setzt sich dem Mann gleich, da­bei gibt es biologische Unter­schiede», betont sie. Der Zeichnerin ist es ein Anliegen, dass Frauen einen guten Bezug zu ihrem Körper haben, gerade auch in sensiblen Lebensphasen wie Schwangerschaft und Geburt.

In der Antike galt die Frau als zügellos

Die Themen, denen sich Liv Strömquist annimmt, waren nicht immer tabu: In der Antike galt die Frau als zügellos, lust­getrieben und übersexualisiert; der weibliche Orgasmus wurde in fast jeder medizinischen Schrift erwähnt, denn man ging davon aus, dass dieser wichtig ist für die Fortpflanzung. Das Blatt wendete sich jedoch. Immer wieder wurde die Klitoris als Wurzel vieler Übel angesehen – Krankheiten wie Hysterie und Epilepsie wurden ihr zugeschrieben. Noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts entfernten Ärzte ins­besondere in den USA vielen Frauen die Klitoris, um sie von der Selbstbefriedigung abzuhalten.

Diese geschichtlichen Wechselbäder nähren Liv Strömquists Hoffnung, dass es möglich ist, gesellschaftlich Ansichten und Einstellungen zu ändern. Dass zum Beispiel anerkannt wird, dass der weibliche Orgasmus genauso zum Sexualleben gehört wie der männliche, die Frau aber nicht ausschliesslich durch Penetration zum Orgasmus gelangt. Diesen Erkenntnissen wiedersetzte sich der Psychoanalytiker Sigmund Freud: Er behauptete, Mädchen hätten klitorale, Frauen vaginale Orgasmen.

Die französische Gynäko­login Odile Buisson widerlegte diese These: Sie stellte fest, dass sämtliche Vaginalorgasmen von der Klitoris ausgehen. Anhand von Ultraschall-Aufnahmen zeigte sie auf, dass die erigierte Klitoris die Vagina nicht nur umschliesst, sondern auch zusammendrückt. Es ist somit nahezu unmöglich, die vorderen Teile der Vagina zu erregen, ohne Teile der Klitoris mitzustimulieren. Das Gehirn selber aber unterscheidet Vagina, Uterus und Klitoris, da diese mit unterschiedlichen Arealen der Grosshirnrinde verknüpft sind.

Die Praxis bestätigt die ­Theorie: Viele Frauen können ­vaginale und klitorale Orgasmen gut ­auseinanderhalten. Das ­Thema ist jedoch noch tabuisiert. Liv Strömquists Comic könnte da­zu beitragen, Gespräche darüber in Gang zu bringen.

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