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SEXISMUS: #MeToo ist nicht allein: wie sich Frauen gegen sexuelle Belästigung wehren

Nach den Enthüllungen um Harvey Weinstein ist in den sozialen Medien eine Debatte um sexuelle Gewalt entfacht. Unter dem Hashtag #MeToo berichten Frauen über ihre negativen Erlebnisse. In Frankreich stellen sie die Täter mit Namen an den Pranger.
Philipp Bürkler
Sexismus im 19. Jahrhundert: Berthold Woltze und sein Gemälde «Der lästige Kavalier». (Bild: Wikimedia)

Sexismus im 19. Jahrhundert: Berthold Woltze und sein Gemälde «Der lästige Kavalier». (Bild: Wikimedia)

Sexuelle Gewalt gegen Frauen gibt es überall: am Arbeitsplatz, an einer Party, im Bus, auf der Strasse oder in der Kneipe um die Ecke. Praktisch jede Frau hat mindestens einmal in ihrem Leben sexuelle Gewalt oder verbale Belästigung erlebt, die meisten mehrmals oder sogar täglich. Die globale Dimension dieses Problems zeigt sich derzeit in den sozialen Medien in der Hashtag-Kampagne #MeToo, also «Ich auch». Darin berichten Frauen über ihre Erlebnisse von sexueller Gewalt und Belästigung.

Gestartet hatte #MeToo die New Yorker Schauspielerin Alyssa Milano am vergangenen Sonntag auf Twitter. «Falls alle Frauen, die sexuelle Gewalt oder Übergriffe erlebt haben, #MeToo in ihren Status posten, können wir den Menschen vielleicht eine Vorstellung von der Grössenordnung dieses Problems geben», schrieb die 44-Jährige. Seither sind Milano weltweit Hunderttausende Frauen gefolgt, darunter auch prominente Künstlerinnen wie die beiden Sängerinnen Lady Gaga oder Lilly Allen. Eine Twitter-Userin schreibt: «140 Zeichen sind allerdings zu wenig, um zu erzählen, was mir alles passiert ist. Aber es ist passiert. Das ist schlimm genug.» Ein anderes Opfer berichtet: «Und wenn dich der Kreisvorstandskollege mitten in der Diskussion ans Knie fasst, ‹um dich zu beruhigen›, und alle das okay finden.» Neben Twitter kursiert der Hashtag auch auf Facebook und löste dort bisher mehr als zwölf Millionen Interaktionen aus. Viele Nutzer sehen in der Debatte aber auch die Gefahr, Komplimente könnten in Zukunft heikel sein. Tatsächlich ist es ein schmaler Grat zwischen einem wohlwollenden Kompliment und respektlosem Verhalten.

Label «MeToo» ist bereits zehn Jahre alt

Die Schilderungen der Frauen zeigen, sexuelle Gewalt existiert nicht nur in der Glitzerwelt des Hollywood-Showbusiness, wo vergangene Woche der Fall des Filmproduzenten Harvey Weinstein öffentlich wurde. Der heute 65-Jährige hat fast drei Jahrzehnte lang Frauen, darunter viele Prominente wie Angelina Jolie oder Gwyneth Paltrow, unbehelligt belästigt, bedrängt und sogar vergewaltigt. Im Kampf gegen sexualisierte Gewalt wird Angelina Jolie deutlich: «Wir leben in einer Welt, in der Zehntausende, Hunderttausende vergewaltigt werden können.» Auch die italienische Schauspielerin Asia Argento findet klare Worte für Weinstein: «Ich weiss, dass er schon andere Leute zerstört hat.»

Weinstein ist nicht der einzige Prominente, der Frauen als sexuelle Objekte versteht, die man respektlos behandeln kann. Sein Name kann im gleichen Atemzug mit Silvio Berlusconi, Dominique Strauss-Kahn, Bill Cosby oder Donald Trump genannt werden. Männer, die ihre Machtposition ausnutzen, um die Frauen zu unterwerfen. Es besteht teilweise immer noch ein Mythos, dass mächtige Männer das Recht haben, übergriffig zu werden. US-Präsident Trump sagte im berühmten «Grap them by the pussy»-Video: «Wenn du ein Star bist, lassen sie dich alles tun. Du kannst machen, was du willst.» Dank Alyssa Milano hat sich die Weinstein-Debatte jetzt aus der Hollywood-Blase prominenter Opfer auf die gesellschaftliche Ebene normaler Frauen übertragen.

Das Label «MeToo» ist jedoch nicht neu, sondern wurde 2007 von der New Yorker Aktivistin Tarana Burke erstmals verwendet. Die Afroamerikanerin ist Leiterin der «Girls for Gender Equity», einer New Yorker Organisation, die sich für die Rechte junger schwarzer Frauen engagiert. In einem Statement auf ihrer Facebook-Seite erklärt Burke, ihr Ziel sei immer gewesen, ein Schlagwort zu schaffen, mit dem «Überlebende wissen, sie sind nicht alleine».
Im deutschsprachigen Internet lancierte im Januar 2013 Anne Wizorek unter dem Hashtag #Aufschrei eine breite Debatte über sexuelle Gewalt und Anmache. #Aufschrei ist bis heute ein Label gegen Sexismus im Alltag. Fast gleichzeitig schilderte damals die deutsche Journalistin Laura Himmelreich in einem Artikel einen Übergriff, den sie bei der Begegnung mit dem deutschen FDP-Politiker Rainer Brüderle erlebte. Brüderle hatte ihr auf das Dekolleté geschaut und gesagt: «Sie können ein Dirndl auch ausfüllen.»

Frankreich und die USA nennen Täter beim Namen

In Frankreich schlägt der Skandal um Harvey Weinstein ebenfalls hohe Wellen. Marlène Schiappa, Staatssekretärin für Gleichstellung, hat auf 2018 ein Gesetz gegen sexuelle Übergriffe angekündigt. So sollen Männer, die eine Frau auf der Strasse anmachen, eine Geldstrafe zahlen müssen. Das Äquivalent zu #MeToo heisst im französischsprachigen Internet #balancetonporc, «Verpfeif das Schwein».

#balancetonporc wurde von der Journalistin Sandra Muller lanciert. Muller berichtete von Übergriffen und verbalen Entgleisungen von Männern ihr gegenüber. Ein ehemaliger Vorgesetzter hat die Bemerkung «du hast grosse Brüste, du bist mein Typ, ich werde es dir die ganze Nacht besorgen» fallen lassen. Muller forderte Frauen auf, es ihr gleichzutun und die Belästiger «mit Namen und Details» zu outen. Im Gegensatz zur «Ich auch»-Kampagne, wo Frauen ihr körperliches und seelisches Leiden beschreiben, werden bei der französischen Kampagne die Täter mit Namen an den Pranger gestellt.

Eine ähnliche Idee geistert derzeit in den USA durch die sozialen Medien. Opfer sexueller Gewalt können anonym den Namen des Täters und den Vorfall in eine öffentliche Liste mit dem Titel «Shitty Media Men» eintragen. Tragen mehrere Frauen den gleichen Namen in das Google-Dokument ein, wird der Name rot hervorgehoben. Wie der Name der Liste suggeriert, handelt es sich bei den Tätern um öffentliche Personen oder Journalisten, darunter sind Mitarbeiter der «New York Times», also jenes Medienhauses, das den Weinstein-Skandal aufdeckte.

Debatte ist wichtig und betrifft auch Männer

Auf kreative Art geht die 20-jährige Niederländerin Noa Jansma mit Alltags-Sexismus um. Die junge Frau postet auf ihrem Instagram-Profil @dearcatcallers Selfies, die sie mit Männern zeigt, die sie auf der Strasse anmachen, ihr hinterherpfeifen oder sich ihr in den Weg stellen. Die aktuelle #MeToo-Kampagne sowie andere Formen der Sensibilisierung sind wichtig. Nur wenn ständig über das Problem geredet wird und Täter rechtlich verfolgt werden, nehmen Übergriffe und Gewalt gegen Frauen ab. Aktionen wie #MeToo machen Frauen Mut, über ihre Erfahrungen zu berichten. Es ist zu hoffen, dass sich in den Köpfen etwas bewegt.

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