SEX: Internet als Liebestöter

Tinder, Werbung, Pornos – unsere Gesellschaft ist sexualisiert wie nie. Trotzdem haben die Menschen immer weniger Sex.

Adrian Lobe
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Weniger Sex trotz Tinder. (Bild: PD)

Weniger Sex trotz Tinder. (Bild: PD)

Adrian Lobe

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@tagblatt.ch

Vor wenigen Wochen sorgte eine in der Fachzeitschrift «Archives of Sexual Behavior» erschienene Studie für Aufsehen, wonach die US-Amerikaner durchschnittlich weniger Sex als noch vor zwanzig Jahren haben. Die Untersuchung, die Daten von 26000 Erwachsenen enthielt, verglich das Sexualverhalten verheirateter und unverheirateter Paare zwischen 1989 und 2014. Hatten Amerikaner 1989 im Durchschnitt 60-mal Sex im Jahr, sank die Zahl zwischen 2010 und 2014 auf 54. Bei verheirateten Paaren reduzierte sich die Zahl der Geschlechtsakte von 67 auf 56 im gleichen Zeitintervall. Interessant ist vor allem, dass die Alterskohorte der Generation Y (Millennials) und Generation Z, also die Jahrgänge 1991 und jünger, deutlich weniger Sex haben.

Nun könnte man aus euro­päischer Perspektive einwenden, dass die Amerikaner ohnehin prüde seien. Die Studie differenziert zudem nicht zwischen erzkonservativen Milieus wie etwa den Mormonen in Utah und den aufgeschlossenen Städtern an der West- und Ostküste. Doch es handelt es sich um kein rein amerikanisches Phänomen. Auch die Deutschen haben laut einer Langzeitstudie der Universität Leipzig weniger Sex als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. In Ländern wie Frankreich, Österreich oder Australien sieht es ähnlich aus. Der Rückgang der Sexualität überrascht aus zwei Gründen. Erstens bleiben die Menschen länger körperlich fit und könnten im Bett aktiver sein, weshalb mit einem Anstieg der Sexualität bei älteren Menschen zu rechnen wäre. Zweitens wachsen junge Menschen mit Dating-Plattformen wie Tinder auf, was die Suche nach einem Sexualpartner erleichtert.

Sexszenen gehören zum Alltag

Die sexuelle Revolution, eingeleitet durch die 68er-Bewegung, hat zu einer beispiellosen Sexualisierung der Gesellschaft geführt. Unternehmen werben mit Sprüchen wie «Bock auf Ballern» oder «Heute wirst du flachbelegt». Sexszenen im Fernsehen gehören zum Alltag. Und im Internet ist Pornografie allgegenwärtig. Trotzdem haben die Menschen immer weniger Sex. Wie kann das sein?

Die Studie zieht zwei Hypothesen in Betracht. Erstens: längere Arbeitszeiten. Zweitens: Pornografie. Wo der Konsum von pornografischen Videos im Internet ein paar Mausklicks entfernt und jederzeit verfügbar ist, sinkt das sexuelle Verlangen. Sexualforscher haben herausgefunden, dass der exzessive Konsum von Pornografie zu Erektionsstörungen oder Lustlosigkeit, sogenannter sexueller Anorexie, führen kann. Laut einer Studie der Universität Padua, in der 28000 Italiener zu ihrem Sexualverhalten befragt wurden, bewirkt der ständige Reiz durch Sexbilder, dass die Sinne abstumpfen. Das Problem ist vor allem, dass Männer, die Pornofilme konsumieren, ihre erlebten Fantasien auf das richtige Liebesleben mit dem Partner projizieren, die sich dann nicht erfüllen.

Ist das Internet also ein Liebestöter? Diese Erklärung trifft nur zum Teil zu. Eine medizinische Studie der Universität Adelaide, in welcher 2015 die Libido von 280 Männern untersucht wurde, kam zu dem Ergebnis, dass es eine Verbindung zwischen Pornografiekonsum und Sexualität gebe. 40 Minuten pornografische Inhalte pro Woche können die sexuelle Begierde sogar stimulieren. Analog zum Fernseher im Schlafzimmer, der schon als Sexkiller verschrien wird, kann das Smartphone das Liebesleben aber auch beeinträchtigen. Wenn man vor dem Ins-Bett-Gehen dem Smartphone statt dem Partner seine Aufmerksamkeit schenkt, mag das die Libido eher senken als steigern.

Zu viel Arbeit, zu wenig Sex

Die zweite Hypothese, welche die Forscher als Erklärung anführen, ist die zunehmende Arbeitsbelastung im Beruf. In Japan, wo die Arbeitsbelastung im interna­tionalen Vergleich überdurchschnittlich hoch ist, fand eine Studie heraus, dass fast die Hälfte aller verheirateten Männer und Frauen in sexlosen Ehen leben. Laut einer repräsentativen Umfrage sind 42 Prozent der 18- bis 34-jährigen Männer und 44,2 Prozent der Frauen Jungfrauen.

Ob es darin aber einen kausalen Zusammenhang gibt, ist unklar. Die Asexualität der Otaku, jener Männer, die sich lieber für Computerspiele und virtuelle Beziehungen interessieren, mag noch andere, kulturelle Gründe haben als den ökonomischen Druck. Doch auch in Japan, wo Metropolen zugepflastert sind mit lasziven Mangas, zeigt sich die Widersprüchlichkeit einer sexualisierten Gesellschaft, die mit dem Slogan «Oversexed but underfucked» beschrieben wird.