SEX: Frauenpornos – ethisch korrekt

Die Hälfte aller Schweizer Männer – aber nur 7 Prozent der Frauen – schauen mindestens einmal pro Monat einen Pornofilm. Die schwedische Regisseurin Erika Lust weiss, was einen «weiblichen» Porno ausmacht.

Sarah Coppola-Weber
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Erika Lust (links) dreht Pornofilme mit Geschmack, die auch Frauen gerne anschauen. (Bild: PD)

Erika Lust (links) dreht Pornofilme mit Geschmack, die auch Frauen gerne anschauen. (Bild: PD)

Sarah Coppola-Weber

focus@tagblatt.ch

Sie entspricht kaum dem Bild einer Pornofilm-Regisseurin: Erika Lust, mit bürgerlichem Namen Erika Hallqvist, ist 40, verheiratet und Mutter zweier Töchter. Nach dem Studium in Politikwissenschaften und Gender Studies ist sie nach Barcelona übersiedelt – und hat mit Erika Lust Films ihre eigene Firma gegründet. Seit einigen Jahren dreht sie ziemlich erfolgreich Pornofilme aus dem weiblichen Blickwinkel. Selbst wenn man der Autorin via Skype gegenübersitzt, deutet nichts auf ihre berufliche Tätigkeit hin: rosa Kapuzenpulli, die blonden Haare zu einem losen Zopf geflochten, wild gestikulierend und sprühend vor Energie. Wäre da nicht das Bild an der Wand, das ein halbnacktes Paar auf einem Bett in kniender Stellung zeigt, er mit den Händen auf ihrem Hinterteil.

Interesse an Sex und Scham sind gross

Wie kommt es also, dass eine studierte Politikwissenschafterin anfängt, Pornofilme zu drehen? «Während meiner eigenen sexuellen Entdeckungsreise schaute ich Pornos, die mich einerseits anmachten, andererseits aber abstiessen. Damals studierte ich Feminismus, und mir war die Rolle der Frau, die sich darauf reduzierte, dem Mann Befriedigung zu verschaffen, zuwider», erklärt Lust während des Interviews. «Mich interessierte, was in der Frau abgeht, wie sie die Sexualität lebt. Die Geschichten, die in den Filmen erzählt wurden, waren mir zu mager.»

Sie befragte Frauen und Männer und kam zum Schluss, dass sie mit ihrer Ansicht nicht alleine dastand. Viele hatten weder über das verstaubte Image der Pornoindustrie noch über die schlechte Qualität der Filme nachgedacht, die weder Geschichten erzählen noch Fragen zu Sexualität oder Gefühlen beantworten: «Die Menschen lechzen nach Geschichten und Situationen und möchten das, was sie fühlen, erklärt und in einen Kontext gestellt bekommen.» Dass die heutige Gesellschaft Pornos nicht nur braucht, sondern auch will, steht für die gebürtige Schwedin ausser Frage. «Wir sind sexuelle Wesen, die dank eines Sexualaktes leben und überleben. » Das Inter­esse sei gross, doch die Menschen seien unsicher, verängstigt und voller Scham. Die Frauen glaubten oft, etwas stimme nicht mit ihnen, wenn sie nicht dem vorgegebenen Muster eines Mainstream-Pornos entsprechen: «Frauen wird vermittelt, dass sie nur durch Penetration zum Orgasmus kommen, dabei ist das falsch!» In ihren Filmen sieht man denn auch unterschiedlichste Frauentypen, die ihre Lust ausleben.

Nicht immer nur Bums-Bums-Bums

Erika Lust ist überzeugt, dass viel Potenzial in der Pornografie steckt. Wenn sich Paare zusammen einen ihrer Kurzfilme ansähen und darüber austauschten, sei das Ziel bereits erreicht. Etwa bei «Xconfessions», wo man Erika Lust die eigenen sexuellen Fantasien enthüllen kann, die sie dann in einen Kurzfilm packt. Sie plädiert für einen bewussteren und verantwortungsvolleren Umgang mit der Pornografie, wo Herkunft und Produktion hin­terfragt werden. «Heute achtet man ja auch auf die Qualität der Lebensmittel und deren Ursprung.»

Dazu gehöre, sich zu den Arbeitsbedingungen der Schauspieler Gedanken zu machen: «Mir ist es wichtig, dass ich die Schauspieler gut kenne und weiss, dass sie den Job wirklich wollen, dass die Filmpartner harmonieren, sie einen guten Körperkontakt haben, dass ich weiss, was für eine Art von Sex sie darstellen wollen und wie lange, ob mit oder ohne Spielzeug oder Gleitmittel …» Für Erika Lust sind Ethik und Porno keine Gegensätze: «Irgendwo muss man beginnen, den Ruf der Pornoindustrie zu verbessern! Porno kann durchaus fantastisch und voller Werte sein, nicht immer dasselbe harte Bums-Bums-Bums.» (Klatscht die Faust gegen die offene Handfläche).

Ihr liegt es am Herzen, dass die jüngere Generation mit einer neuen Art von Pornografie aufwächst: «Porno ist überall, die Kinder werden schon früh damit konfrontiert, vor allem im Internet.» Und da in der schulischen Aufklärung kaum positiv über Sex gesprochen werde, sondern vor allem über Verhütung und Krankheiten, sei es umso wichtiger, dem Nachwuchs zu vermitteln, dass Sex natürlich ist und sich gut anfühlen kann.

Das tut die 40-Jährige selber bei ihren 6- und 9-jährigen Töchtern: «Sie wissen, dass ich Filme drehe, die in einem erotischen Kontext stattfinden, wenn auch nicht im Detail. Ich finde, man sollte als Eltern offen sein und die Kinder dem Alter entsprechend aufklären.» Beeinflusst der Job ihr Privatleben? «Mein Mann arbeitet mit in der Firma, er kümmert sich um Vertrieb und Internetauftritt. Da ich oft am Wochenende arbeite, trenne ich Arbeit und Freizeit kaum. Ich denke, dass mich meine Arbeit positiv beeinflusst, ich gehe auch offener mit meiner Sexualität um.»