Sepp Blatter ist Teil des Systems

Fifa-Präsident Sepp Blatter will mit der Korruption bei der Fifa nichts zu tun haben. Doch wie kann es sein, dass der Chef einer Organisation nicht weiss, was seine Untergebenen machen?

Jürg Ackermann
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Fifa-Präsident Sepp Blatter hat behauptet, in der Fifa gebe es keine Korruption. (Bild: Keystone)

Fifa-Präsident Sepp Blatter hat behauptet, in der Fifa gebe es keine Korruption. (Bild: Keystone)

Korruption, organisierte Kriminalität, Geldwäsche, Verdacht auf Bestechungs- und Schmiergelder: Was nach einer Anklageschrift gegen eine kriminelle Bande tönt, ging gestern vom friedlichen Zürich aus um die Welt. Und nein: Die Organisation, die im Visier des FBI steht, heisst nicht Camorra oder Cosa Nostra, sondern Fifa.

Nun kann man natürlich so tun, als wäre alles halb so schlimm. Als wäre der gestrige Tag sogar gut für die Fifa, wie dies Kommunikationschef Walter De Gregorio verkündete. Doch das massive Vorgehen der Behörden ist alles andere als gut für die Fifa und vor allem auch nicht für Präsident Sepp Blatter.

Das Sprichwort mag abgedroschen klingen, aber es trifft auch auf den Weltfussballverband zu: Der Fisch stinkt vom Kopf her. Wie kann Blatter als langjähriger Präsident der Fifa sagen, er habe mit all diesen Vorgängen, die nun endlich an die Öffentlichkeit kommen, nichts zu tun? Wie kann er ständig von der völkerverbindenden Kraft des Fussballs reden und Toleranz und Werte predigen, wenn die Korruption in seinem eigenen Haus offenbar wie ein Krebsgeschwür wuchert? Es bleiben nur zwei Schlussfolgerungen: Entweder hat Blatter die Fifa nicht im Griff, oder er ist – in welcher Form und in welchem Grad auch immer – Teil dieses Systems und profitiert davon.

Ein Beispiel, das eher für die zweite These spricht, ist Jack Warner, der nun ebenfalls im Visier des FBI steht. Blatter hat viele Jahre lang fast alles für den Präsidenten des karibischen, mittel- und nordamerikanischen Verbandes getan, weil dieser eine wichtige Person im sorgfältig austarierten Machtsystem des Wallisers war. So deckten Recherchen der ARD diese Woche auf, dass die Fifa Warner Fernsehrechte für einen symbolischen Preis von einem Dollar überliess, die dieser dann für Millionen weiterverkaufte. Im Gegenzug sicherte der Funktionär aus Trinidad & Tobago Blatter bei der Wiederwahl jeweils wichtige Stimmen aus der Karibik und Nordamerika.

Blatter, der noch vor fünf Jahren behauptete, es gebe keine Korruption bei der Fifa, und der sich seither als grosser Reformer darzustellen versucht, ging es nie wirklich um Transparenz und Aufklärung, sondern vor allem darum, sich aus der Schusslinie zu nehmen und die eigene Macht zu erhalten. Zwar hat er tatsächlich einige Reformen eingeleitet und 2013 auch ein paar korrupte Exekutivmitglieder von der «Fifa-Familie» ausgeschlossen. Doch gleichzeitig hat er auch entscheidende Schritte verhindert. So machte die Fifa bereits klar, dass die WM 2022 in Qatar stattfinden wird, obwohl Chefermittler Michael Garcia im noch immer nicht veröffentlichten Antikorruptionsbericht zahlreiche Hinweise auf Schmiergeldzahlungen bei der WM-Vergabe macht.

Wenn eine Institution wie jetzt die Fifa derart tief im Schlamassel steckt, wenn das Image so stark angekratzt ist und ein derart gravierendes Glaubwürdigkeitsproblem besteht, dann könnte sich kein CEO dieser Welt der Verantwortung entziehen. Vor allem dann nicht, wenn er wie Blatter bereits seit 17 Jahren an der Spitze steht und zuvor als Generalsekretär über Jahrzehnte entscheidend mitwirkte. Auch wenn längst nicht sicher ist, dass der Nachfolger alles besser machen würde, braucht es mehr denn je einen Wechsel an der Spitze des Weltfussballverbandes – allein aus symbolischen Gründen.

Die Fifa-Delegierten hätten morgen in Zürich die Gelegenheit dazu. Doch sie werden sie nicht nutzen.

juerg.ackermann@tagblatt.ch