Selbstversuche für uns alle

Manchmal hilft nur das Experiment am eigenen Körper, um etwas zu beweisen. Immer wieder führten Forscher Selbstversuche im Namen der Wissenschaft durch. Ein paar verrückte Beispiele.

Claudia Weiss
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Otto Lilienthals Leidenschaft galt dem Fliegen. (Bild: ky)

Otto Lilienthals Leidenschaft galt dem Fliegen. (Bild: ky)

Die Wissenschaft hat uns dahin gebracht, wo wir heute stehen: Menschen können fliegen und Herzkatheter einsetzen. Für einige dieser Entdeckungen haben Forscher kurzerhand Experimente an sich selbst vollzogen:

Psychologie

Wie schnell gerät ein Normaler in eine verrückte Umgebung? Das testeten der amerikanische Psychologe David Rosenhan (1929–2012) und seine Studenten zwischen 1968 und 1972. Das Rezept war einfach: Ein paar Tage lang nicht rasieren, nicht duschen und danach in Schmuddelkleidern bei einer der psychiatrischen Kliniken in Pennsylvania vorsprechen. Sie hörten Stimmen im Kopf, klagten die Pseudopatienten den Psychiatern jeweils. Die Psychiater nahmen alle acht Pseudopatienten ohne Zögern stationär auf, verschrieben ihnen an die 2100 Tabletten und hielten sie bis zu 52 Tage fest. Rosenhan publizierte seine Erfahrung 1973 im Fachmagazin «Science» unter dem Titel «Vom Normalsein in verrückter Umgebung».

Fliegen

Er baute Dampfmaschinen und Bergbaumaschinen, aber Otto Lilienthals (1848–1896) Leidenschaft galt dem Fliegen. Im Alter von 20 Jahren machte der Luftfahrtpionier erste Experimente mit Flugapparaten. 1891 dann der grosse Schritt: Mit seinem Derwitzer Apparat – sieben Meter Spannweite, knapp vier Meter lang und 18 Kilogramm schwer – gelang es ihm erstmals, im deutschen Derwitz Flugdistanzen bis 25 Meter zurückzulegen. Mit dem Folgemodell schaffte er es aus einer Absprunghöhe von zehn Metern schon achtzig Meter weit. Wie besessen tüftelte er weiter. Am 9. August 1896 wurde ihm eine «Sonnenbö» zum Verhängnis: Eine thermische Ablösung misslang, er stürzte ab und starb.

Chirurgie

Am 15. Februar 1921 lag der Chirurg Evan O'Neill Kane (1861 –1932) auf der Operationsliege bereit und wartete darauf, dass ein Kollege ihm den entzündeten Blinddarm herausoperierte. Plötzlich entschied er sich dazu, die Operation selber durchzuführen. Er injizierte sich Kokain und Adrenalin in die Bauchdecke, führte die nötigen Schnitte durch und entfernte das entzündete Teil. Einen Moment der Aufregung gab es: Weil er sich zu weit nach vorne beugte, um gut zu sehen, was er machte, quoll ihm ein Teil des Darms durch die Operationswunde heraus. Seelenruhig schob er ihn wieder an seinen Platz. Eine halbe Stunde dauerte die Operation, der Chirurg erholte sich rasch und gut.

Anästhesie

Schmerzfrei operieren – der Traum jedes Chirurgen. Deshalb tüftelten immer wieder welche an Anästhesie-Arten herum, einige testeten es gleich selber aus. 1847 entdeckte James Young Simpson (1811–1870) mit Freunden die Wirkung von Chloroform. Als sie das Mittel inhalierten, gerieten sie in eine fröhliche Stimmung. Und fielen dann in eine Ohnmacht, aus der sie erst am nächsten Morgen wieder aufwachten. Allerdings war es ein Glück, dass Simpson die Chloroformdosis überlebte. Hätte er nämlich zu viel inhaliert und wäre daran gestorben, hätte man es als zu gefährliche Substanz gesehen. Hätte er umgekehrt zu wenig inhaliert, hätte es ihn nicht narkotisiert.

Big-Mac-Bauch

Nach einem üppigen Thanksgiving-Essen sah Morgan Spurlock im Fernsehen einen Bericht über zwei Mädchen, die McDonald's anklagten, die Kette habe sie gezielt übergewichtig gemacht. «Das Dümmste, was ich je gehört hatte», fand Spurlock. Noch dümmer fand er aber die Antwort der Sprecherin, die sagte, Bic Macs und Co. seien völlig gesund und nahrhaft. Fortan verzehrte er dreimal täglich McDonald's-Mahlzeiten, 5500 Kalorien, 30 Tage lang. «Super Size Me» hiess Spurlocks Dokumentarfilm. Er zeigte, wie er in dieser Zeit elf Kilogramm ansetzte. Sein Cholesterinspiegel stieg auf mehr als das Doppelte an, er bekam Herzrasen und eine akute Fettleber. Zum Glück verbesserten sich alle Werte mit gesünderer Ernährung wieder. Hätte Spurlock gewusst, wie gefährlich das Experiment für seine Gesundheit war, hätte er es «wahrscheinlich nicht durchgezogen». Immerhin: Nachdem der Film am Sundance Film Festival gezeigt wurde, zog McDonald's seine Super-Size-Portionen zurück.

Helicobacter-Suppe

J. Robin Warren, Pathologe im australischen Perth, entdeckte, dass in über der Hälfte aller Magengeschwüre und Gastritis (Magenentzündung) Bakterien im Spiel sind. Das war sensationell, denn bis 1981 herrschte die Lehrmeinung, dass im Magen keine Bakterien wachsen können. Sein Assistenzarzt Barry J. Marshall war fasziniert, und gemeinsam nahmen die beiden bei über 100 Patienten eine Biopsie vor. Nach etlichen Versuchen gelang es Marshall, eine unbekannte Bakterienart zu kultivieren, die später unter dem Namen Helicobacter pylori bekannt wurde. Sie trat bei praktisch allen Patienten mit Magengeschwüren oder -entzündung auf. Falls sie tatsächlich Auslöser dieser Krankheiten war, bedeutete das: Heilung mittels Antibiotikum ist möglich. Der Beweis allerdings war schwierig: In einem Akt der Selbstüberwindung trank er deshalb einen Becher voller Bouillon, die mit Millionen von Helicobacter-Bakterien eines Patienten versetzt war. Tage später entwickelte er eine schwere Gastritis – der Beweis war erbracht. Die üble Suppe lohnte sich: Im Jahr 2005 erhielten Warren und Marshall den Nobelpreis.