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SELBSTVERSUCH: Geschüttelt, nicht gekocht

Flüssignahrung ist der neuste Trend. Als gut, gesund und schnell verzehrt wird sie angepriesen. Der einwöchige Selbstversuch lässt daran zweifeln.
Tobias Hänni
Eine Woche nur Flüssignahrung: Im Selbstversuch Smartfood getestet. (Bild: Urs Bucher)

Eine Woche nur Flüssignahrung: Im Selbstversuch Smartfood getestet. (Bild: Urs Bucher)

Am Anfang gibt's ein letztes Mahl. Ein letztes Mal kochen und mit Freunden zu Abend essen. Italienischer Kartoffelgratin, Rindsentrecôte an einer Zimtmarinade, Bohnen an Butter und Zitronenpfeffer. Ein letztes Mahl vor einem einwöchigen Experiment: Sieben Tage lang nur vom Komplettnahrungsersatz «ComplEAT» der Berliner Firma NU3 zu leben. «Smart Food» nennt das der Hersteller. «Smart», also schlau, weil in dem Pulver, das man mit Wasser anrührt, alles drin ist, was der Körper an Nährstoffen, Vitaminen und Spurenelementen braucht: «All in one Shake», alles in einem Shake. So steht es auf dem Sack mit 1500 Gramm Pulver, der für gut zehn Mahlzeiten reicht. Ich habe mir zwei davon gekauft. Mit Wasser anrichten und fertig ist Zmorge, Zmittag oder Znacht. Beworben wird das dann so:

«Köstlich im Geschmack, angenehm in der Konsistenz: Und in 60 Sekunden fertig – schneller als jede andere gesunde, vollwertige Mahlzeit, die es bisher gibt!»

Tag 1 Schütteln will gelernt sein

Der Pulversack steht am frühen Morgen auf dem Küchentisch, zwischen gebrauchtem Geschirr, leeren Weinflaschen und schmutzigen Pfannen. Wie eine Packung Trockenfutter für Katzen, denke ich. Und pfeife – wie sonst auch – auf ein Frühstück. Kaffee muss reichen. Mit leerem Magen und einem Pulverpack im Rucksack geht es zur Arbeit. In der Mittagspause rühre ich meine erste Flüssignahrung an. Auf 300 Milliliter Wasser kommen exakt 148 Gramm Pulver. Was «in 60 Sekunden fertig» sein soll, entpuppt sich als mehrminütiger Akt in einer Pulverwolke: Das Pulver ohne Trichter – wer hat so einen schon im Büro? – in eine enghalsige Glasflasche zu füllen, gestaltet sich schwieriger als erwartet.

Nach zehn Minuten sieht mein Bürotisch aus, als hätte ich das Pulver nicht in Wasser aufgelöst, sondern die Nase hochgezogen. Ein Shaker wäre wohl das beste Gefäss, um den Nahrungsdrink zuzubereiten. Zumal in der Flasche trotz wilden Schüttelns Pulverklümpchen herumschwimmen, welche die Vorfreude auf den bevorstehenden Zmittag noch einmal deutlich dämpfen. Na dann, sag ich mir: En Guete! Der Shake schmeckt so, wie er riecht: nach Kraftfutter für Nutztiere. Nach süsslichem Soja und im Abgang leicht nach Haferflocken. Die cremig-mehlige Konsistenz lässt mich an die Waisenhaus-Grütze denken, wie sie manchmal in historischen Romanen beschrieben wird. Widerstrebend kämpfen sich Mund und Magen durch den 3-Deziliter-Zmittag. Fazit nach der ersten Mahlzeit: Ich bin satt. Und mir ist schlecht. Möglicherweise habe ich zu viel Pulver reingetan – auch eine Waage fehlt im Büro.

Tag 2 Magen ohne Disziplin

«Mach dir keinen Kopf mehr! ComplEAT ist der perfekte Mahlzeitersatz und gibt dir alles, was der Organismus benötigt.»

Morgens um 1 Uhr liege ich wach im Bett und kämpfe gegen das nagende Hungergefühl, das mich vom Schlafen abhält. Durchhalten, sage ich mir, du musst dich durchbeissen. Und merke, wie unangebracht dieser Spruch bei einem Experiment mit Flüssignahrung ist. Doch mein Magen ist schwach. Trockener Zopf hat noch selten so gut geschmeckt wie nach diesem ersten Tag der geschmacklichen Isolationshaft. Mit einem befriedigenden Gefühl im Bauch schlafe ich ein. Das Frühstück lasse ich sausen – im Halbschlaf das Pulver anzurühren, traue ich mir nicht zu.

Mittagszeit. Das «En Guete» des Arbeitskollegen ist durchaus hämisch gemeint. Und das Auffüllen der Glasflasche klappt noch schlechter als am ersten Tag. Vielleicht möchte mein Unterbewusstsein einfach, dass ich besonders viel von dem Pulver verschütte. Geschmacklich ist mein Mittagessen wie gestern – langsam scheint sich mein Gaumen aber an die Fadheit und die Konsistenz des Drinks gewöhnt zu haben. Mein Körper rebelliert trotzdem. Kurz nachdem ich fertig «gegessen» und mit reichlich Wasser nachgespült habe, kommt wieder die Übelkeit. Ein leichtes Schwächegefühl macht sich in den Gliedern breit. Vielleicht, so meine Theorie, ist mein Magen ganz einfach überfordert mit einer derart geballten Ladung an Nährstoffen und Kalorien. So dass er einen Grossteil des Bluts in meinem Körper zur Hilfe holt, um zu verdauen. Frage an Madlaina Höhener, Ernährungsberaterin am St. Galler Kantonsspital: Ist es gesund, dem Magen innerhalb von fünf Minuten rund 550 Kalorien zuzuführen? «Wenn man in fünf Minuten eine Tafel Schokolade mit 500 Kalorien verdrückt, kann einem schon mal schlecht werden», sagt Höhener. Die Übelkeit und das Schwächegefühl könnte aber auch am hohen Zuckergehalt des Pulvers liegen, auf den Höhener hinweist. «In einer Portion stecken 29 Gramm Zucker.» Das ergibt bei drei Portionen knapp 90 Gramm pro Tag. Bei einer durchschnittlichen Aufnahme von 2000 Kalorien am Tag werden maximal 50 Gramm empfohlen. Dass nach dem Shake der Zuckerspiegel in die Höhe schiesst und zu einem Schwächegefühl führt, erstaunt mich nicht.

Doch abgesehen vom Zucker: Ist dieser Nahrungsersatz gesund? «Grundsätzlich ist das Pulver so zusammengesetzt, dass es den Tagesbedarf an Kalorien, Nährstoffen und Vitaminen deckt», sagt Höhener. Allerdings überschreite beispielsweise auch der Anteil an Kohlenhydraten bei dreimaliger Einnahme des Pulvers den Tagesbedarf deutlich. «Zudem fehlen die sekundären Pflanzenstoffe», erklärt Höhener. Stoffe wie beispielsweise das Karotinoid im Rüebli oder das Alicin in der Zwiebel und im Lauch. «Diese Stoffe sind noch wenig erforscht, wirken sich aber positiv auf den Körper aus», sagt Höhener. Skeptisch sieht die Ernährungsberaterin auch den Hauptbestandteil des Pulvers: Soja. «Die Qualität des Eiweisses im Soja kommt nicht an jenes von tierischem Eiweiss heran.» Ausserdem gebe es Studien, die bei einem hohen Sojakonsum eine stärkere Produktion des Stresshormons Cortisol festgestellt hätten. Nun gut, der Nahrungsersatz scheint nicht ganz so gesund zu sein. Aber immerhin – er ist günstig. Eine Mahlzeit kostet gerade einmal knapp fünf Franken.

Tag 3 Sozialer Austausch? Fehlanzeige!

«Pack es an! Ab jetzt hast du mehr Zeit für die wichtigen Dinge im Leben. Denn die Ernährung stemmst du ganz nebenbei!»

Ausgerechnet in dieser Woche lädt der Chef zu einer Grillade im Sittertobel ein. Merci, da komme ich gerne mit meinem Hafersack mit. Zum Trotz packe ich noch die Badehose ein. Wenn ich schon nicht richtig essen kann, will ich wenigstens die Zeit mit einem Bad in der Sitter nutzen. Während die anderen in ihr knuspriges Bürli beissen, sich an Wurst und Salat laben und angeregt plaudern, steig ich in den Fluss. Immerhin – wer schnell isst, hat mehr Zeit für anderes, denke ich.

Die Frage ist nur, welchen Preis man dafür zahlt. Anruf beim Soziologen Hans Geser. «Welche soziale Bedeutung hat das Essen für den Menschen?» Essen sei nicht bloss Nahrungsaufnahme, sagt der emeritierte Professor der Universität Zürich. «Essen ist ein soziales Ritual und bietet einen Rahmen für Kommunikation.» Die gemeinsame Mahlzeit sei ein Anlass, an dem Kultur gelebt werde. «Im Mittelalter waren es die Bänkellieder. Doch auch am modernen Firmenessen oder am Hochzeitsmahl wird gemeinsame Kultur gepflegt», sagt Geser. Das kriege ich an diesem Tag schmerzlich zu spüren. Während die Kollegen essen und reden, sitze ich allein am Fluss.

Tag 4 Eine Beleidigung für den Wein

«Auch geschmacklich wird dich unsere Komplettlösung überzeugen: ComplEAT schmeckt angenehm nach Getreide, ohne zu nerven.»

Um abends möglichst lange vom Pulver fernzubleiben, greife ich vermehrt zu Bier oder Wein. Das sättigt und dämpft das Hungergefühl, das ich zu unterdrücken versuche. Doch es hilft nichts, einen knurrenden Magen kann man nicht gänzlich mit Alkohol besänftigen.

Irgendwann rühr ich mir lustlos 148 Gramm Astronautennahrung an. Stürze es in einem Zug runter. Und spüle nach mit einem Rioja. Was für eine Beleidigung für diesen Wein. Doch ich muss das tun. Erstens möchte ich den Sojageschmack loswerden. Und zweitens steht auf dem Pulverpack nicht, dass man auf Alkohol verzichten sollte.

Tag 5 Den Döner runterschlingen

«Viele Meetings, jede Menge Stress und abends noch gross ausgehen? Unser Körper muss eine Menge leisten. Aber wer hat die Zeit, sich in die Welt der Nährstoffe einzuarbeiten? Oder stundenlang in der Küche zu stehen? Na eben!»

Kurz vor zwei Uhr: Ich wache schweissgebadet auf. Da war im Traum dieses gigantische Poulet, durch das ich mich durchessen musste, um dem Ernährungswahn zu entkommen. Ich liege wach im Bett und denke über «Smart Food» nach. Smartphones. Smarte Häuser. Smarte Autos. Nach all den gescheiten Dingen muss nun auch die Ernährung schlau sein. Doch Essen hat für mich wenig mit Intelligenz zu tun, sondern mit Genuss, Lust und Freude. Mit Bedürfnissen, Trieben und Verlangen. Und gerade verspüre ich den unbändigen Drang, zu beissen, zu kauen und zu schlucken. Schmatzend schlafe ich ein.

Nach dem Zmittag-Shake entscheide ich mich spontan, den Selbstversuch zu kürzen. Das Wochenende naht und damit die Zeit, in der ich mich nicht durch Arbeit vom Bedürfnis ablenken kann, etwas Festes zwischen die Zähne zu kriegen. Bevor ich also einem wildfremden Menschen auf der Strasse den Döner aus der Hand reisse und diesen im Davonrennen irre lachend runterschlinge, reduziere ich den Versuch lieber von einer ganzen Woche auf eine Arbeitswoche. So handhabt das auch Pulvernahrungspionier Rob Rhinehart. Sein Produkt «Soylent», das erste auf dem Markt, ist vor allem bei den vielbeschäftigten IT-Nerds im amerikanischen Silicon Valley sehr beliebt. Seit einem dreimonatigen Selbstversuch im Jahr 2013 – der später zur Gründung seiner Firma geführt hat – ernährt sich der 27-Jährige fast ausschliesslich von «Soylent». Doch an den Wochenenden gehe auch er mit Freunden richtig essen, sagte der Softwareingenieur in der «Financial Times». Doch zu Hause zu kochen, zu essen und abzuwaschen ist für ihn «Verschwendung von Zeit, Geld und Energie».

Mein Fazit nach fünf Tagen Flüssignahrung fällt etwas anders aus: Ja, sie ist günstig, sie ist schnell verzehrt und gibt einem Zeit für andere Dinge. Bloss: Man verliert dabei auch die Freude, die man beim Essen und Kochen verspüren kann, den sozialen Austausch während des gemeinsamen Mahls. Für diese Dinge «verschwende» ich gerne Zeit, Energie und Geld. Und wasche mit Freuden Berge von schmutzigem Geschirr ab.

Hans Geser Soziologe und emeritierter Professor an der Universität Zürich (Bild: PD)

Hans Geser Soziologe und emeritierter Professor an der Universität Zürich (Bild: PD)

Madlaina Höhener Ernährungsberaterin am Kantonsspital St. Gallen (Bild: PD)

Madlaina Höhener Ernährungsberaterin am Kantonsspital St. Gallen (Bild: PD)

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