Selbstbestimmt bis zum Ende

Nachdem der Politiker This Jenny sich mit Exit von seiner Krankheit erlöst hat, gehen bei der Sterbehilfeorganisation deutlich mehr Anmeldungen ein. Weshalb immer mehr Menschen den Zeitpunkt ihres Todes selber wählen wollen.

Diana Bula
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Wenn das Leben zu Ende geht: Palliative Behandlung oder Sterbehilfe? (Bild: getty/Ian Waldie)

Wenn das Leben zu Ende geht: Palliative Behandlung oder Sterbehilfe? (Bild: getty/Ian Waldie)

Üblicherweise gehen bei der Sterbehilfeorganisation Exit täglich 50 bis 100 Anmeldungen ein. Seit Samstag sind es 150 bis 200. An jenem Tag hatte der Glarner alt Ständerat This Jenny mit Exit sein Leben und Krebsleiden beendet. «Diese Publizität gibt Menschen, die schon lange Mitglied bei uns werden wollen, manchmal den entscheidenden Anstoss», sagt Bernhard Sutter, Vizepräsident von Exit. Üblicherweise halte dieser Effekt nur fünf bis sieben Tage an.

Wo die Würde endet

2008 zählte Exit 51 670 Mitglieder, 2013 waren es 69 500, Anfang November 80 200. In den Tod liessen sich 2008 167 Personen begleiten; 2012 waren es 356, 2013 459. «In der Schweiz gibt es immer mehr Menschen, die immer älter werden. Jetzt kommt eine Generation ins Alter, die ihr Leben lang selbstbestimmt lebte. Sie möchte auch am Lebensende entscheiden», begründet Sutter den Anstieg.

Peter Schaber, Ethikprofessor an der Universität Zürich, verweist auf eine Studie: Gemäss dieser entscheiden sich viele nicht aus Angst vor Schmerzen für Sterbehilfe, sondern weil sie in Würde gehen wollen. Wann ist mein Leben nicht mehr mein Leben, weil die Kontrolle entgleitet? Die Antworten sind so unterschiedlich wie die Menschen, die sie geben. «Was als Verlust der Kontrolle empfunden wird, hängt stark davon ab, was man selber für wichtig hält. Für einen Spitzensportler ist es schlimm, wenn er sich nicht mehr bewegen kann, für einen Intellektuellen, wenn er nicht mehr denken kann», sagt Schaber. Nicht selber essen, sich nicht waschen, nicht auf die Toilette gehen können: Einige schicken sich besser in diese Situation als andere.

Bischoff widerspricht Nonne

This Jenny habe wohl nicht geglaubt, dass die Medizin Wege für würdevolles Sterben biete, sagte Steffen Eychmüller, Palliativmediziner am Berner Inselspital, zu «Blick». «Doch auch mit Palliativmedizin kann man selbstbestimmt sterben. Gehen Patient und Umfeld den letzten Weg gemeinsam, gibt das viel Nähe und Denken.» Heute, so Eychmüller, manage man nicht nur das Leben, sondern auch den Tod. Der grössere Zusammenhang werde ausgeklammert.

«Religiöser Einfluss nimmt ab»

Früher war das anders. Das sagt auch Ethikprofessor Schaber: «Für unsere Grosseltern lag die Würde nicht in der Selbstbestimmung, sondern darin, den von Gott vorgegebenen Weg zu Ende zu gehen, auch wenn das Leiden bedeutete.» Viele hätten sich erhofft, dadurch bessere Menschen zu werden. Wie verpönt Sterbehilfe in der christlichen Lehre noch immer ist, zeigt dieser Vorfall: Im Juli sprach sich eine mit dem «Prix Courage» ausgezeichnete Nonne aus dem Wallis für die Sterbehilfe aus. Der zuständige Bischof stellte daraufhin klar, dass die Aussagen der Ordensfrau «nicht der Lehre der Katholischen Kirche entspreche». Wer sich getraue, das Leben, «ein Geschenk Gottes», zurückzugeben, indem er es eigenmächtig beende, gelte nach wie vor als hochmütig, sagt Schaber. «Doch der Einfluss der christlichen Lehre nimmt ab.»

Umso wichtiger sei es, dass sich die Kirchen für Alternativen zur Sterbehilfe engagieren, sagt der Theologe Urs Winter. Er leitet die ökumenische Fachstelle «Begleitung in der letzten Lebensphase» in St. Gallen und bietet Kurse für Menschen an, die für Sterbende da sein wollen. Winter zählt zwei Drittel aller Kirchenmitglieder zu «den Distanzierten». «In ihrem Alltag spielt der Glaube kaum eine Rolle.» Geht etwa die Liebe in die Brüche, so wenden sie sich für Trost an Freunde, anstatt zu beten. Und trete ein Ernstfall ein, so verhalte es sich mit dem Glauben wie mit einer Fremdsprache: «Hat man ihn lange nicht gebraucht, tut man sich auch jetzt schwer damit.» Den praktizierenden Kirchenmitgliedern aber – sie machen 15 Prozent aus – helfe die Religion in schwierigen Situationen wie dem Sterben meist.

Für Egoisten?

Palliativmediziner Eychmüller empfiehlt Exit jenen Menschen, «die extrem individualistisch bis egoistisch leben». Ist ein Egoist, wer mit Sterbehilfe aus dem Leben scheidet? «Nein», sagt Ethikprofessor Schaber. «Egoistisch ist, wer denkt, dass ein Kranker Nahestehenden zuliebe alles aushalten muss bis zum Ende.» Theologe Winter mag nicht von Egoismus reden. Er hofft, auf Mitgefühl – und dass Sterbehilfe nicht normal wird. «Wir dürfen Kranken nicht das Gefühl geben, dass sie zur Last fallen.» Oft genüge wenig, um Menschen in der letzten Lebensphase Sinn zu geben: ein Besuch, eine Geschichte erzählen. Oder eine liebevolle Berührung.