«Schwindelgefühl ist beabsichtigt»

Mit «Clouds of Sils Maria» hat der französische Regisseur Olivier Assayas eine ebenso vielschichtige wie kluge Reflexion über Rollen im Leben und in der Kunst gedreht. Zentrales Motiv seines Film sei der Spiegel, sagt Assayas.

Geri Krebs
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Vielschichtige Spiegelungen zwischen Rollen und eigenem Image: Szene aus «Clouds of Sils Maria» mit Juliette Binoche und Kristen Stewart. (Bild: pd)

Vielschichtige Spiegelungen zwischen Rollen und eigenem Image: Szene aus «Clouds of Sils Maria» mit Juliette Binoche und Kristen Stewart. (Bild: pd)

Noch nie hat man Juliette Binoche in einem Film so «alt» gesehen – war es schwierig gewesen, sie zu überzeugen, diese Hauptrolle in «Clouds of Sils Maria» zu spielen?

Olivier Assayas: Nein, Juliette Binoche zögerte keinen Moment, nachdem sie das Drehbuch gelesen hatte. Das ist extrem mutig von ihr, denn «Sils Maria» ist ja ein Film, der unerbittlich jede Falte in ihrem Gesicht zeigt. Ihre Zusage hat vor allem damit zu tun, dass wir uns seit Jahrzehnten kennen; es verbindet uns eine Komplizenschaft und wir gehören praktisch zur gleichen Generation. Unser Altersunterschied beträgt nur acht Jahre, wir kommen beide aus der Szene des französischen Arthouse-Kinos der 1980er-Jahre. Und Juliette wurde seit jener Zeit ja zu einer Ikone des europäischen, nicht nur des französischen Arthouse. Zusammen gedreht hatten wir bisher aber nur ein einziges Mal – 2008 für «L'heure d'été», wo sie eine kleine Rolle innehatte. Aber der Film kam nie in der Schweiz ins Kino.

Und wie haben Sie es geschafft Kristen Stewart, die junge Hauptdarstellerin aus den «Twilight»-Blockbusters, als Filmpartnerin von Juliette Binoche zu gewinnen?

Assayas: So einfach wie bei Juliette Binoche war es tatsächlich nicht, aber bereits beim Schreiben des Drehbuches schwebte mir vor, dass es in der Geschichte der alternden Schauspielerin Maria Enders und ihrer jungen Assistentin Valentine implizit auch um einen Dialog zwischen Arthouse- und Hollywood-Kino gehen sollte. Mir war wichtig, eine bekannte junge Hollywood-Schauspielerin dafür zu haben. Zwar bin ich überzeugt, dass der Film auch mit einem weniger bekannten Gesicht als dem von Kristen Stewart funktionieren würde, aber er hätte nicht jene Wirkung, die er nun hat. Die Präsenz von Kristen Stewart ist für mich ein kostbares Geschenk.

Sie haben viel in diese Geschichte um die alternde Schauspielerin Maria Enders hineingepackt, bisweilen droht es einem schwindlig zu werden angesichts der Fülle von Erzählebenen. Wie würden Sie die Essenz charakterisieren?

Assayas: Also, dass Ihnen beim Zuschauen schwindlig geworden ist, freut mich eigentlich, denn das ist durchaus beabsichtigt. Zentrales Motiv ist der Spiegel, jener, in den man schaut und in dem man das unerbittliche Verstreichen der Zeit erkennt und als Faktum akzeptieren muss. Und dann ist es die Tatsache, dass sich im Theaterstück «Die Maloja-Schlange» Maria Enders' eigene Geschichte spiegelt und diese Geschichte wiederum durch die Präsenz des von Chloë Grace Moretz repräsentierten jungen Starlets – die am Ende die Rolle im Stück spielt – eine weitere Spiegelung erfährt.

Sie treiben die Spiegelungen aber noch weiter, indem Sie einen alten Berg-Dokumentarfilm «Die Maloja-Schlange» und eine gleichnamige literarische Vorlage ins Geschehen integrieren. Was hat es damit auf sich?

Assayas: Den Dokumentarfilm über das Wetterphänomen der «Maloja-Schlange» gibt es tatsächlich, er wurde 1924 von Arnold Fanck realisiert. «Sils Maria» ist auch eine Hommage an diesen deutschen Bergfilm-Pionier. Den Theaterautor Wilhelm Melchior, der das Stück «Maloja-Schlange» geschrieben haben soll, habe ich dagegen frei erfunden. Es gab nach der Premiere im Mai in Cannes allerdings nicht wenige Leute, die damals auf diesen Schwindel hereinfielen.

Ab heute in den Kinos

Olivier Assayas Regisseur (Bild: pd)

Olivier Assayas Regisseur (Bild: pd)

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