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SCHWEIZERISCHE POST: In der Nostalgiefalle

Aus einer Institution, die nationale Identität stiftete, ist ein Unternehmen wie andere geworden. Das erschwert die öffentliche Debatte über die Änderungen ihres Dienstleistungsangebots.
Urs Bader
Das erste vom Bund gebaute repräsentative Postamt (rechts) entstand 1886/87 in St. Gallen. (Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv)

Das erste vom Bund gebaute repräsentative Postamt (rechts) entstand 1886/87 in St. Gallen. (Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv)

Urs Bader

Was tun die Konzernleitungsmitglieder der Post in ihren Büros? Sie erledigen die Post. Was in ­diesem Wortspiel zum Ausdruck kommt, ist oft Gegenstand der ­öffentlichen Kritik: Die Post baut nur noch ab. So wird das Unternehmen – immer noch in Bundesbesitz – heute vielfach wahrgenommen. Streitobjekt ist immer wieder der Umbau des Postnetzes, der oft als Kahlschlag bei den Poststellen gesehen wird. Tatsächlich gehört zum postalischen Service public oder Grundversorgungsauftrag, den die Post vom Bund hat, der Betrieb eines flächendeckenden Poststellen- und Postagenturennetzes. Die Rede ist heute aber eher von Zugangspunkten zu den Postdiensten. Beim Umbau des Netzes geht es um eine Diversifizierung des Angebots. Die Post verhandelt mit Kantonen und Gemeinden. Dass dies nicht immer einvernehmlich verläuft, liegt auf der Hand.

Das Selbstbild der Post und das öffentliche Bild von der Post sind jedenfalls oft nicht (mehr) identisch, auch wenn hüben wie drüben möglicherweise Zerrbilder die Sicht auf die Realität verstellen oder in politischen Debatten in Stellung gebracht werden.

Die Post stiftete lange Zeit Schweizer Identität

Während die Post als Dienstleister kritisiert wird, heisst es auf ­deren Website: «Sie bleibt ihrer Tradition und ihren Werten treu und ist zudem am Puls der Zeit, um auch in Zukunft eine verbindende Rolle im Leben ihrer Kunden einnehmen zu können. Die Post ist da, sie ist nah bei den Menschen und eine zuverlässige Partnerin in unserem Alltag.» Sie bezieht sich darauf, eine der ältesten und bekanntesten Marken der Schweiz zu sein: «Sie ist ein Stück Schweizer Identität.»

Dass Bild und Selbstbild auseinanderklaffen, mag damit zu tun haben, dass die Post historisch und bis in die jüngere Vergangenheit tatsächlich Schweizer Identität stiftete. Im Buch «Ab die Post. 150 Jahre schweizerische Post» von 1999 schrieb der damalige Direktor des Museums für Kommunikation, Thomas D. Meier, die Post sei als Institution immer eng vernetzt geblieben mit dem Staat, der Wirtschaft, der Kultur und der Gesellschaft, der sie diente. «Vielleicht ist sie gerade wegen ihrer integrativen Leistung Bestandteil des im positiven Sinn nostalgischen Repertoires der Schweiz.» Und der ­jetzige stellvertretende Direktor dieses Museums, Karl Kronig, sprach in dem Buch von der Post als einem nationalen Symbol, und sie stehe damit gleichberechtigt neben anderen Symbolen wie den Schweizer Bergen, den Uhren oder der Schokolade.

Wie kam das? Die Eidgenössische Post, wie sie damals hiess, ist ein Kind des 1848 gegründeten Bundesstaats. Vorher war das Postwesen privat oder kantonal organisiert. Die Übernahme der Post durch den Bund – auf den 1. Januar 1849 – war praktisch unbestritten und wurde in der Bundesverfassung verankert. Wirtschaftliche Gründe gaben den Ausschlag; ein möglichst effizientes Postwesen war Voraussetzung für eine wirtschaftliche Entwicklung. Das war bis dato nicht gegeben: Ein Brief von Genf nach ­Romanshorn passierte um 1840 sechs autonome Postgebiete, die alle ihre Gebühren erhoben, wie in «Ab die Post» nachzulesen ist.

Nach und nach effizientere Dienstleistungen zu erbringen, war die Hauptrolle der Post. Eine andere fiel ihr eher indirekt zu, war gewissermassen ein «Kollateralerfolg»: die integrative Wirkung ihres Tuns und Auftretens im jungen Bundesstaat. Die Post förderte die nationale Kommunikation und stärkte den gesellschaftlichen Austausch. Sie half mit, die politischen, sprachlichen und wirtschaftlichen Schranken und Gräben zu überwinden.

Das Klischee von der Post nährt den Unmut über sie

Der Postbeamte in Uniform trat landesweit als Vertreter der neuen Schweiz auf; die Uniform signalisierte Zuverlässigkeit und Vertrauenswürdigkeit der Verwaltung. Auch die Infrastruktur der Post machte den neuen Staat sichtbar: Gebäude, Briefmarken und -kästen, Postautos. In den auf die Gründung des Bundesstaates folgenden Jahrzehnten entstanden überall in der Schweiz repräsentative Postämter in klassisch-monumentalem Stil. Das erste vom Bund gebaute Postamt entstand 1887 in St. Gallen (später Rathaus, 1977 abgerissen), ihm folgte ein Jahr später jenes in Luzern. Die Postämter waren in Dörfern und Städten Zeichen eines neuen staatlichen Selbstverständnisses, Zeichen der Stärke der aufstrebenden Zentral­gewalt. Die repräsentativen Elemente der Post hätten eine integrative Kraft entfaltet, «die für das Entstehen einer modernen Schweiz mindestens ebenso bedeutungsvoll war wie das Bereitstellen einer Infrastruktur zu Kommunikationszwecken», schrieb Meier in «Ab die Post».

Und heute? Die Post schliesst Poststellen, verkauft oder vermietet repräsentative Gebäude, wandelt Postfilialen in kleine Warenhäuser um oder verlegt Filialen in einen «Volg» oder an eine Hotel-Rezeption, sammelt Briefkästen ein. Noch immer gibt es zwar ein «Corporate Design», ein einheitliches Erscheinungsbild, doch wird es im öffentlichen Raum immer diskreter. Die Bekleidung der Postbeamtinnen und -beamten gleicht eher einer Freizeitbekleidung denn einer Uniform – was ihnen freilich zu gönnen ist. Die staatliche Re­präsentation – und mit ihr die ­integrative Funktion – spielt heute kaum mehr eine Rolle, auch wenn die Post in der Selbstdarstellung sich gelegentlich darauf bezieht. Das ändert freilich nichts daran, dass die Post eben zu jenem erwähnten nostalgischen Repertoire der Schweiz gehört. Und aus dem Klischee nährt sich wohl oft der Unmut über die Entwicklung des Unternehmens.

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