Schwangere sollten Reise absagen

Brasilien geht massiv gegen das Zika-Virus vor. Der Oberarzt Carol Strahm, Infektologe am Kantonsspital St. Gallen, erklärt, warum das in der Regel eher harmlose Virus für Schwangere doch eine grosse Gefahr sein kann.

Bruno Knellwolf
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Die brasilianische Regierung hat 220 000 Soldaten losgeschickt, um gegen das von Mücken übertragene Zika-Virus vorzugehen. In betroffenen Gebieten werden die Soldaten von Haus zu Haus gehen, um die Moskitoart Aedes aegypti zu bekämpfen. Angst macht aber vor allem, dass das Virus eine Gefahr für Schwangere ist. In Brasilien wurden bisher 3893 Fälle der Mikrozephalie ermittelt, eine Schädelfehlbildung der Kinder. Gestern hat das Bundesamt für Gesundheit gemeldet, dass zwei Fälle von Reise-Rückkehrern bekannt seien, die sich in den Tropen mit dem Zika-Virus angesteckt haben. Die Personen sind aus Haiti und Kolumbien zurückgekehrt.

Herr Strahm, es heisst, das Zika-Virus sei vor allem für Schwangere gefährlich, respektive fürs Kind, das Fehlbildungen des Hirns davontragen könne. Wie gesichert ist das?

Carol Strahm: Das Zika-Virus ist eigentlich schon seit Jahrzehnten bekannt. Im letzten Oktober berichtete das brasilianische Gesundheitsministerium, dass in verschiedenen Teilen Brasiliens, wo Monate zuvor Ausbrüche von Zika-Virus-Infektionen auftraten, eine deutliche Häufung von Schädel-/Hirn-Fehlbildungen bei Neugeborenen beobachtet wurde.

Gibt es direkte Nachweise?

Strahm: Bei betroffenen Kindern wurde das Virus teilweise direkt nachgewiesen. Deshalb wurde in Brasilien vermutet, dass Zika-Virus-Infektionen von Schwangeren zu Fehlbildungen beim Kind führen können. Ähnliche Beobachtungen wurden auch in einem anderen Land gemacht. Da auch andere Erkrankungen, wie zum Beispiel das Rötelnvirus, eine Mikrozephalie auslösen können, sind das Hinweise, aber noch keine Beweise. Der Verdacht ist jedoch gross, dass das Zika-Virus zu Fehlbildungen bei Neugeborenen führen kann.

Wie wirkt sich das Zika-Virus bei vorgängig Gesunden aus?

Strahm: In den über 60 Jahren, seit man das Virus kennt, hat man beobachtet, dass es in aller Regel keine schwere Krankheit auslöst. Erste Symptome können bis zwölf Tage nach der Ansteckung auftreten und dauern meist etwa eine Woche. Mögliche Symptome sind Fieber, Muskelschmerzen, Abgeschlagenheit, Augenentzündungen, Kopfschmerzen oder Hautausschlag. Es gibt nun aber Hinweise, dass das vermehrte Auftreten des Guillain-Barré-Syndroms, eine Nervenentzündung, und wie erwähnt von Mikrozephalie mit dem Zika-Virus zu tun haben.

Die Mücke überträgt das Virus. Ist auch eine Mensch-Mensch-Übertragung möglich?

Strahm: Nein, eine direkte Übertragung von Mensch zu Mensch ist nicht festgestellt worden. Es braucht dazu eine Stechmücke. Ausnahmen sind von der Mutter auf das Kind in der Schwangerschaft oder bei der Geburt und theoretisch auch bei einer Bluttransfusion.

Solche Mücken werden es kaum von Südamerika bis zu uns schaffen. Besteht bei uns also keine Gefahr?

Strahm: Die Mücke, die hauptsächlich für die Verbreitung des Virus verantwortlich ist, ist die Gelbfiebermücke, oder Aedes aegypti. Sie kommt zwar rund um den Globus vor, aber nur in den Tropen und Subtropen. Somit besteht für uns keine unmittelbare Gefahr. Es wird aber vermutet, dass auch die bis in gemässigte Breiten vorkommende Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus) das Virus übertragen könnte. Die genaue Bedeutung der Tigermücke in der Übertragung des Virus ist momentan noch nicht geklärt.

Einen Impfstoff gegen das Zika-Virus gibt es nicht. Könnte man da keinen verwandten Impfstoff einsetzen?

Strahm: Aktuell gibt es weder einen zugelassenen Zika-Virus-Impfstoff noch einen Impfstoff in Entwicklung, welcher kurz vor der Zulassung wäre. Theoretisch wäre es möglich, einen verwandten, vorhandenen Impfstoff für das Zika-Virus zu adaptieren.

Und praktisch?

Strahm: Ein Impfstoff gegen ein Virus, welches sporadische und unvorhersehbare Ausbrüche hervorruft, hat es in der Praxis schwer. Eine prophylaktische Impfung zur Verhinderung eines Ausbruchs würde eine Durchimpfung grosser Bevölkerungsgruppen bedeuten. Das wäre sehr teuer und aufwendig. Eine Impfung während eines bestehenden Ausbruches ist logistisch schwierig, da die rasche Produktion und Lagerung von Impfstoffen problematisch und eine Verteilung wahrscheinlich bereits zu spät käme.

Die einzige Möglichkeit scheint also die Vernichtung der Mücken zu sein. Was raten Sie Schweizern, die im Sommer zu den Olympischen Spielen nach Rio reisen?

Strahm: Vor einer Reise sollte man sich immer über Infektionsrisiken informieren und seinen Impfschutz überprüfen lassen. Dies gilt im besonderen für schwangere Frauen. Hierzu bieten wir am Kantonsspital St. Gallen eine Reisemedizinische Sprechstunde an. Im Falle des Zika-Virus, gegen das es momentan keine spezifische Therapie oder Impfung gibt, ist die beste Prävention ein guter Mückenschutz. Dabei ist zu beachten, dass die Gelbfiebermücke auch tagsüber sticht. In geschlossenen Räumen und im Freien sollte man sich mit Sprays, langer Kleidung und Moskitonetzen gegen Stechmücken schützen. Schwangeren Frauen empfehlen wir, eine Reise in ein Zika-Virus-Endemiegebiet möglichst abzusagen oder zu verschieben.

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