Schwanger sein ist riskanter als die Pille

Klipp und klar steht es auf dem Beipackzettel der Antibabypille «Yasmin»: «Ihr Risiko, ein Blutgerinnsel zu entwickeln, ist erhöht, wenn Sie die Pille nehmen.» Der Hersteller, der deutsche Pharmakonzern Bayer, spart nicht mit Zahlen.

Diana Bula
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Klipp und klar steht es auf dem Beipackzettel der Antibabypille «Yasmin»: «Ihr Risiko, ein Blutgerinnsel zu entwickeln, ist erhöht, wenn Sie die Pille nehmen.» Der Hersteller, der deutsche Pharmakonzern Bayer, spart nicht mit Zahlen. Von 100 000 Frauen, die weder die Pille nehmen noch schwanger sind, können fünf bis zehn Frauen pro Jahr ein Blutgerinnsel entwickeln, ist zu lesen. Im Vergleich: Von 100 000 Frauen, die eine Pille wie «Yasmin» schlucken, können 30 bis 40 Frauen ein Blutgerinnsel erleiden. 1 bis 2 Prozent der Fälle können tödlich enden, heisst es weiter.

Der Beipackzettel von «Yasmin» wurde 2009, 2010 und 2012 den neuen Erkenntnissen angepasst, wie Lukas Jaggi, Mediensprecher des Schweizerischen Heilmittelinstituts Swissmedic, sagt. Denn 2009 belegten Studien erstmals, dass Pillen der dritten Generation – «Yasmin» gehört dazu – Blutgerinnsel begünstigen. Und zwar um 1,5 bis 2 Prozent gegenüber Pillen der zweiten Generation, so Jaggi.

Pille nur gegen Akne

Der Fall Céline bewegt die Schweiz. Immer wieder aufs neue. Auch Politiker schalten sich nun ein. So fordert SP-Nationalrätin Bea Heim, Antibabypillen mit überdurchschnittlich hohem Thromboserisiko zu verbieten. Ihre Parteikollegin Prisca Birrer-Heimo meinte gegenüber «20 Minuten»: «Wenn andere Länder gewisse Antibabypillen verbieten, muss man sich schon fragen, ob die Verschreibung dieser Pillen in der Schweiz noch zulässig ist.»

Birrer-Heimo spielt damit auf ein Vorkommnis in Frankreich an. Dort musste Bayer die Pille «Diane 35» Anfang 2013 vom Markt nehmen. «Die Europäische Kommission hat diese Sistierung inzwischen unter Auflagen aufgehoben», sagt Jaggi von Swissmedic. Auch in der Schweiz gelten Beschränkungen: Das Heilmittelinstitut empfiehlt, «Diane 35» nur bei schwerer Akne einzunehmen. Oder wenn eine Frau zu viele männliche Hormone hat, ihr Haarwuchs zum Beispiel zu stark ist.

Selten Medikamentenverbot

«Sehr selten» verbiete Swissmedic ein bereits zugelassenes Präparat. «Es müsste erwiesen sein, dass das potenzielle Risiko den Nutzen übersteigt», sagt Jaggi und fügt hinzu: «Bei der Antibabypille <Yasmin> ist das nicht so. Während einer Schwangerschaft und in den drei Monaten danach ist die Gefahr einer Thrombose deutlich höher als während der Pilleneinnahme.» Swissmedic prüfe die Dossiers jeweils sorgfältig; ein Bewilligungsverfahren dauere durchschnittlich eineinhalb bis zwei Jahre. «Es kann vorkommen, dass die Begleitstudien bis zur Zulassung nicht alle Risiken aufzeigen.» Erst später, wenn das Medikament im Handel sei und zahlreiche Frauen es anwendeten, zeigten sich weitere Auffälligkeiten. Wie im Fall der seit 2000 zugelassenen Pille «Yasmin».

Nach Bekanntwerden des Falls Céline im Jahr 2009 gehen bei Swissmedic deutlich mehr Meldungen ein als zuvor – 153 allein im ersten Halbjahr 2013; 36mal war von einer Embolie die Rede. Swissmedic sind 14 Fälle bekannt, in denen die Frau letztlich verstarb; die erste Meldung datiert von 1991, die letzte von Januar 2013. Seit 2009 soll es fünf Todesfälle gegeben haben.

Risiko am Anfang am grössten

«Medikamente kommen zu schnell auf den Markt», würden Kritiker nun kontern. Diesen Vorwurf lässt Jaggi nicht gelten. Stattdessen betont er, dass Swissmedic die Diskussion rund um den Fall Céline begrüsse – «sofern die jungen Frauen dadurch erfahren, dass die Pille nicht harmlos, sondern sehr wirksam ist». Die Kehrseite: Flössen die negativen Schlagzeilen den Teenagern so grosse Angst ein, dass sie die Antibabypille ohne Rücksprache mit der Frauenärztin oder dem Frauenarzt absetzten, sei das kontraproduktiv. Die ersten sechs Monate der Einnahme gelten als die kritischsten. «Nimmt eine Frau nach einem Unterbruch eine andere Pille ein, setzt sie sich erneutem Risiko aus», sagt Jaggi. Die St. Galler Frauenärztin Brigitte Dams stimmt zu: «Hat man die Pille ein Jahr lang ohne Zwischenfall eingenommen, so ist das Thromboserisiko gleich gering wie bei einer Frau, welche die Pille nicht schluckt.»

Anders als hormonale Verhütungsmittel der dritten und vierten Generation enthalten die Vorgänger vor allem Gestagene, die den Eisprung verhindern. In Pillen wie «Yasmin» kommen Gestagene zwar noch vor, aber eben auch Östrogene – eine Kombination, die das Risiko für Blutgerinnsel steigen lässt. Führen die Pillen zweiter Generation gelegentlich zu Gewichtszunahme, sollen die Nachfolgeprodukte negative optische Nebenwirkungen verhindern. «So kam es, dass die Pharmaindustrie Produkte entwickelte, die zwar vor Schwangerschaft schützen, nebenbei aber die weiblichen Makel behandeln», sagt Dams. Die modernen Pillen beugen Hautunreinheiten vor. Sie verhindern zudem, dass sich im Körper Wasser ansammelt und die Waage ein paar Kilos mehr anzeigt. «Die Präparate entwässern zwar, im Gegenzug kann aber das Blut gerinnen.»

«Frauen blenden Risiko aus»

Ein «Yasmin»-Verbot, wie Politikerinnen es fordern, erachtet Dams als übertrieben. Auch Warnhinweise wie auf Zigarettenpackungen befürwortet sie nicht. «Sie halten Raucher ja auch nicht vom Rauchen ab. Vielmehr liegt es an den Ärzten, ihre Patienten aufzuklären», sagt sie. «Ich staune oft, wie wenig junge Frauen über die Risiken der Pille wissen. Für sie steht der Zweck an erster Stelle.» Raucherinnen, Frauen mit Übergewicht, mit Migräne oder mit Thrombosefällen in der Familie etwa rät Dams von Pillen mit Östrogen ab. «Nur zu denken <Mich trifft es sicher nicht> genügt nicht. Damit schiebt man lediglich die Verantwortung ab.»

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