SCHULBEGINN: Der Weckkampf

Neues Unterrichtsjahr, gleiches Problem: Spättypen schaffen es kaum rechtzeitig in die erste Lektion. Forscher fordern angepasste Stundenpläne. Derweil krebst eine St. Galler Schule wohl zurück.

Diana Hagmann-Bula
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Für Abendmenschen ist die Schule ein Ort zum Gähnen – zumindest in der ersten Lektion. (Bild: John Slater/ Getty)

Für Abendmenschen ist die Schule ein Ort zum Gähnen – zumindest in der ersten Lektion. (Bild: John Slater/ Getty)

Diana Hagmann-Bula

Das Sandmännchen geht noch mit. Die Augen sind klein, die Füsse schwer, wortlos schlurfen sie neben den anderen her. Den Blick auf den grauen Boden gerichtet, nicht gegen den blauen Himmel. Später, in der Schule, kämpfen sie mit dem Schlaf statt mit Rechnungen. Morgenstund hat nicht für jeden Gold im Mund. Auch nicht in unserem Land, in dem Frühaufsteher so etwas wie die besseren Menschen sind. Fleissig, dynamisch, anerkannt.

In dieser Euphorie für den Morgen geht vergessen, dass nicht bei allen mit dem Sonnenaufgang die Lebensgeister erwachen. Klingelt der Wecker um sechs Uhr, fühlen sie sich wie mitten in der Nacht. «Der Gehalt des Schlafhormons Melatonin im Körper ist bei Spättypen morgens früh am höchsten. Ihr biologischer Rhythmus sagt somit, dass sie noch nicht bereit sind für das Wachsein», sagt Christian Ca­jochen, Leiter des Instituts für Chronobiologie an der Universität Basel. Wissenschafter wie er teilen uns in Lerchen und Eulen ein, in Früh- und Spättypen.

Wie mit 0,8 Promille im Blut

Der Chronotyp ist genetisch festgelegt. «Schon bei den ganz Kleinen gibt es Kinder, die später und schwerer aufstehen als andere. Die erste Unterrichtsstunde nehmen sie kaum wahr», sagt Cajochen. Im Gegensatz zu anderem genetisch Bedingtem wie der ­Augenfarbe verändert sich der Chronotyp. Die «dynamischste Verschiebung» ereignet sich im Teenager-Alter. Kinder, die bisher um 21 Uhr ins Bett gingen, liegen als Jugendliche nicht mehr vor 23 Uhr unter der Decke. Nicht, weil sie in den Ausgang gehen. Weil die Hormone verrückt spielen. Fortan bricht jeden Morgen Hektik aus. Zu Gunsten einiger Minuten mehr im Bett duschen sie nicht, essen kein Frühstück, halten das Zähneputzen für überflüssig. Trotz dieser Zeiteinsparungen beginnt die Schule noch immer zu früh. Viel zu früh.

Wenn man nach seinem biologischen Rhythmus lebt, steigert das Energie, Freude und Produktivität. Beim Denken, beim Sport, beim Schlafen, bei allem. Was esoterisch tönt, ist wissenschaftlich anerkannt. Cajochen fordert deshalb, dass die Schule nicht vor acht Uhr anfängt. Auch weil Studien bewiesen haben, dass ein früher Unterrichtsbeginn Ungerechtigkeiten verursacht: Frühtypen schreiben bessere Noten als Spättypen. Die abendaktiven Eulen rauchen häufiger, (auch) um morgens auf Touren zu kommen. Sie trinken abends mehr Alkohol – «um entgegen ihrem Rhythmus früh einschlafen zu können», sagt Cajochen. Wer seinen biologischen Tagesrhythmus nicht berücksichtigt, hat ein höheres Risiko, an Depression, Herzinfarkt, Diabetes und Übergewicht zu erkranken.

Um sechs Uhr auf den Zug: «Knallhartes Programm»

Und wer eine Woche lang nur fünf bis sechs Stunden schläft, handelt in Reaktionstests wie mit 0,8 Promille. Autofahren darf man nicht mehr, Prüfungen schreiben schon. Nicht nur damit Abendmenschen die gleichen Chancen haben, «sondern auch im Sinne einer Gesundheitsprävention» setzt sich Cajochen für einen späteren Schulbeginn ein. Erst um 9.30 Uhr zur ersten Lektion zu bitten, wie in England, das hält aber sogar er für kontraproduktiv. «Jugendliche würden so lange ausschlafen, dass sie nichts vom Morgenlicht hätten, das die innere Uhr vorstellt. Sie kämen den ganzen Tag nicht auf Trab».

Bei einem späteren Schulbeginn bleiben die Jugendlichen nur noch länger auf! Mehr Selbstdisziplin! Hört auf, Teenager zu verhätscheln! Solche Sätze hört Cajochen regelmässig. Er verweist dann auf eine Basler Studie: Sie hat gezeigt, dass Jugendliche 20 von 30 geschenkten Minuten tatsächlich zum Schlafen nutzen. Und der Schlafforscher erzählt von Schülern, von Spättypen, die um sechs Uhr morgens auf den Zug müssen, um vom Urserental rechtzeitig nach Altdorf in die Schule zu kommen; abends die gleiche Reise noch einmal. «Das ist knallhartes Programm. Wenn sie sich eine Verbindung später leisten können, ist das alles andere als Verhätschelung.» Morgens zähle jede Minute, eine halbe Stunde mehr sei wahrer Luxus.

Ruhe daheim, Unruhe in der Schule

Das bestätigt ein Vater, dessen Tochter die Kantonsschule am Burggraben in St. Gallen besucht. Seit Sommer 2016 beginnt der Unterricht dort um 7.55 statt um 7.35. «Sie kann nun einen Zug später nehmen und startet viel ruhiger in den Tag», sagt er. Rektor Marc König doppelt nach: «Eltern und Schüler schätzen den weniger hektischen Morgen.» Ruhe daheim, Unruhe dafür in den von zehn auf fünf Minuten verkürzten Pausen: Die Schüler wechseln auf dem weitläufigen Gelände eiligst das Zimmer, die Zeit reicht nicht für den Gang aufs Klo. «Will ein Schüler einen Lehrer nach der Stunde etwas fragen, muss dieser ihn auf den Abend vertrösten. Dann kommt der Schüler natürlich nicht mehr vorbei.» Auf das Schuljahr 2018/2019 soll sich das wieder ändern: Der Rektor hat vor, dem Erziehungsrat «entsprechende Anpassungen» vorzulegen. Will heissen: Ab nächstem Sommer klingelt die Schulglocke wohl wieder vor 7.55. Die Eulen hoffen, nur schlecht zu träumen.