Schöne Töne

…Es gibt Lieder, die stimmen einfach, die sind perfekt für den Moment…, Wir waren im klapprigen Zug schon stundenlang durch die serbische Pampa gefahren, als sich in unserem Abteil ein gut vierzigjähriger Mann niederliess.

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Wooden cased portable transistor radio of 60s and 70s on white (Bild: John Rattle (10320650))

Wooden cased portable transistor radio of 60s and 70s on white (Bild: John Rattle (10320650))

…Es gibt Lieder, die stimmen einfach, die sind perfekt für den Moment…,

Wir waren im klapprigen Zug schon stundenlang durch die serbische Pampa gefahren, als sich in unserem Abteil ein gut vierzigjähriger Mann niederliess. Wir tauschten uns mit Gesten und einzelnen Wörtern aus und kamen so irgendwann zur Musik. Dragan, wie unser Sitznachbar hiess, wollte uns Musik von seinem Handy via Bluetooth auf unsere Handys schicken. Doch die serbische Aussprache von «Bluetooth» ist sehr eigen. Es ging eine Weile, bis wir begriffen, was er vorhatte. Und kurz später hatten wir etliche serbische Volkslieder auf dem Handy.

Ich kramte aus meinem Rucksack den MP3-Player hervor, setzte Dragan die Kopfhörer auf, drückte auf Play. «Mir sueched immer chli s' Schlecht, aber mir findets nöd eso recht. Mir sind z' friede und alles isch e chli chlii. Aber jetzt simmer mol bi öppis grossem debi», sang Manuel Stahlberger für Dragan. Mit der Band setzte der St. Galler Liedermacher dann zum grossen Refrain an: «Da isch de Kliiiiimawandel.» Und der ist dafür verantwortlich, dass «endlich, endlich auch» das Rheintal verschwindet. Wenn diese Zeile irgendwo in der Ostschweiz westlich von Altstätten an einem Konzert erklingt, animiert sie jeweils den ganzen Saal zum Mitgrölen. Mitgrölen konnte unser Reisegenosse zwar nicht. Trotzdem hörte Dragan gespannt zu und blickte mich neugierig an. Er hat wohl kein Wort verstanden, aber trotzdem irgendwie begriffen, um was es im Lied geht.

Stahlberger: «Klimawandel» Rägebogesiedlig, 2009

Timo Posselt