Schöne Momente, die keine sind

Die allererste Welle, die man mit dem Surfbrett erwischt. Ein Spaziergang vor Sonnenaufgang, ohne jemandem zu begegnen, ausser einem Reh.

Diana Bula
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Yellow line notepad with pen on top isolated on a white background. (Bild: Diana Bula)

Yellow line notepad with pen on top isolated on a white background. (Bild: Diana Bula)

Die allererste Welle, die man mit dem Surfbrett erwischt. Ein Spaziergang vor Sonnenaufgang, ohne jemandem zu begegnen, ausser einem Reh. Ein alter Mann im Supermarkt, der die Mitkundin zum fremdländischen Gewürz führt (weil sie und die Verkäuferin es nicht gefunden haben) und auf dem kurzen Weg eine Episode aus seinem Leben erzählt. Schöne Momente, so hat man solche Erlebnisse bisher genannt. Aber die schönen Momente sind nicht mehr, was sie mal waren.

Im Zug telefoniert ein etwa 30jähriger Mann gegenüber mit einem Kollegen, fragt ihn, wie der gestrige Abend noch verlaufen sei. Der Passagier reisst seine Augen immer weiter auf, plötzlich steht sogar sein Mund staunend offen. Es muss Spektakuläres sein, das der Freund am anderen Ende der Leitung ausgiebig schildert. Man mutmasst still darüber – bis das Indiz folgt, das wirklich hilft. «Schöner Moment», sagt der Mann vis-à-vis. Und man weiss: Das Gegenteil hat sich zugetragen, nämlich ein schwieriger Moment.

Menschen um die 30 (und jünger) benützen den Begriff gerade alle paar Minuten, nicht in dessen eigentlichem Sinn, sondern ironisch. Wenn Sie also von einer Autopanne erzählen und davon, wie lange es gedauert hat, bis der Wagen wieder lief, antwortet der Zuhörer womöglich: «Schöner Moment.» Er ist weder unaufmerksam gewesen, noch wünscht er Ihnen Schlechtes. Er redet nach, was zurzeit so oft zu hören ist. Nur ist es mit der Ironie so eine Sache: Nicht jeder versteht sie. Und dann hat man ihn tatsächlich, den schwierigen Moment.