Schneller und besser dank Stress

Mit dem Wort Stress verbinden wir in der Regel nichts Gutes. Dabei würden wir ohne Stress kaum existieren. Wir können sogar lernen, Stress für unser Glück zu nutzen. Denn Stress ist vor allem eines: Einstellungssache.

Anna Miller
Merken
Drucken
Teilen

Wir kennen das alle: Wir sind müde, erschöpft, kurz vor dem Durchbrennen, gestresst. Die meisten Menschen empfinden Stress als etwas Negatives, als ein Gift, das sich durch unseren Körper und unser Leben frisst und dabei alles mitreisst.

Dabei ist Stress im Grunde nichts anderes als eine Reaktion auf einen äusseren Reiz. Ein Zustand der Alarmbereitschaft, indem der Körper mehr Energie zur Verfügung stellt. Der Mensch wird wachsamer, schneller und leistungsfähiger. Kurz: Stress ist für unser Überleben absolut notwendig.

Glücksgefühle und Rekorde

In Stresssituationen schüttet der Körper vermehrt Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol aus. Diese Hormone helfen, den Körper auf die belastende Situation vorzubereiten, indem sie den Kreislauf ankurbeln. Dauert diese Anspannung zu lange an oder wird sie nicht durch Entspannungsphasen abgelöst, kann Stress krankmachen.

Wird Stress aber als positiv empfunden, kann er zu Höchstleistungen beflügeln. Ohne Stress wären keine sportlichen Rekorde möglich, keine Lösung von komplexen Aufgaben – und auch keine Verliebtheit.

Vergleiche sind schwierig

Ob Stress uns letztlich nützt oder schadet, hat aber auch zentral damit zu tun, wie wir eine Situation subjektiv bewerten. Denn: Ob ich mich gestresst fühle oder nicht, hängt weniger von der Situation ab als von mir selbst. Die Frage ist, ob die Situation für einen Menschen als Herausforderung oder als Bedrohung angesehen wird. Fühlt sich die Person dem Problem gewachsen, stellt sich entsprechend das Gefühl ein, vom Problem lernen und es bewältigen zu können. Die Person ist zwar körperlich gestresst, nimmt diesen Stress aber nicht als belastend wahr.

Die Forschung unterscheidet zwischen Distress, dem negativ empfundenen Stress, der krankmachen kann, und dem sogenannten Eustress, der als positiv erlebt wird. Geprägt hat die beiden Begriffe der ungarisch-kanadische Forscher Janos Selye.

Panik oder Freude

Die Intensität eines Reizes spielt dabei keine Rolle. Grundsätzlich kann jeder äussere oder innere Reiz als positiv oder negativ erlebt werden. Für den einen ist eine Beförderung im Job eine willkommene und langersehnte Abwechslung, für den anderen kann der Karrieresprung die reine Überforderung sein und ihn unglücklich machen.

Worauf, wann und in welcher Intensität wir mit Stress auf einen Reiz reagieren, hängt unter anderem von unserer genetischen Disposition ab. Das Stresssystem des ungeborenen Kindes ist durch die entsprechenden Erfahrungen der Mutter geprägt. Daneben lernen Kinder am Modell, und auch als Erwachsene werden wir von der unmittelbaren Umgebung ständig beeinflusst.

Kontrolle ist wichtig

Neben diesen Faktoren spielt auch eine Rolle, welche Fähigkeiten wir uns selbst zuschreiben. «Die Stresssituation muss als kontrollier- und beeinflussbar erlebt werden, für den Menschen persönlich relevant sein und einen Anreiz für eine persönliche Entwicklung bieten», sagt Guy Bodenmann, Professor am Lehrstuhl für Klinische Psychologie an der Universität Zürich. Dann werde Stress als positiv wahrgenommen – und wirke sogar einem Burn-out entgegen.

Positiver Stress gibt Kraft

«Positiver Stress gibt einer Person Kraft und Ausdauer», sagt Bodenmann. Erfährt der Mensch in einer solchen Situation noch Dank und Anerkennung, sei es durch sein eigenes Gefühl von Stolz oder ein externes Lob vom Kollegen, macht Stress glücklich. Das kennen wir alle nach einer erfolgreichen Präsentation oder einem aufregenden Date: Waren wir erfolgreich, stellen sich Glücksgefühle ein.

Die gute Nachricht ist: Zu einem gewissen Grad kann man den positiven Stress sogar aktiv herbeiführen. Beziehungsweise kann man die Art und Weise, wie man an eine Stresssituation herangeht, verändern, indem man seine Gedanken und seine Haltung dazu verändert. «Man kann Stress als Gefahr, Verlust oder Schädigung sehen – oder man kann die Situation als Herausforderung interpretieren», sagt Bodenmann. Gelinge das, erfahre man die Anforderungen als bewältigbarer.

Stress meiden, wenn zu viel

Dazu nimmt man sich am besten der Situation an, gleicht die Gedanken, Erwartungen und die innere Haltung mit der Situation ab und versucht, sie realistisch einzuschätzen. «Die Person muss an ihrer Einschätzung arbeiten», sagt Bodenmann.

Wenn die Situation aber wirklich keine Kontrolle erlaubt, rät Bodenmann, den Kontext zu ändern. «Die Person sollte in diesem Fall versuchen, die Situation zu meiden.» Im Klartext: Wenn die neue Stelle eine ständige Belastung darstellt, sollte man sich überlegen zu kündigen. Denn unter Strom ist das System darauf ausgerichtet, schnell und impulsiv zu reagieren. Je nach Kontext nicht immer die beste Strategie.

Gelingt es aber, das Positive an der Situation zu sehen, ist positiver Stress ein Segen. Er stimuliert Individuen zu Höchstleistungen, fördert die Kreativität in Beziehungen und steigert die Produktivität der Gesellschaft.