Schmerzhaft ehrlich

Karl Ove Knausgård schreibt seit Jahren nichts anderes als sein eigenes Leben auf – und macht daraus grosse, schonungslose Literatur. Mit «Träumen» erscheint nun der fünfte Band.

Roland Mischke
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Autor, Alkoholiker, Getriebener: Karl Ove Knausgård. (Bild: pd)

Autor, Alkoholiker, Getriebener: Karl Ove Knausgård. (Bild: pd)

Vielleicht muss man ein Nachfahre der Wikinger sein, um so unerschrocken zu schreiben. In dieser Woche ist der fünfte und vorletzte Band der Autobiographie des Norwegers Karl Ove Knausgård auf Deutsch erschienen. Nach «Sterben», «Lieben», «Spielen» und «Leben» nun also «Träumen» mit knapp 800 Seiten. Die sechsbändige Ausgabe, in Norwegen längst erschienen, hat den Titel «Min Kamp» (Mein Kampf) und ist die Eins-zu-eins-Biographie des Schriftstellers und Menschen Knausgård. Ihr Kennzeichen ist eine masslose Intimität, in die der manische Autor seine Leser rücksichtslos hineinzieht. Die meisten werden die Lektüre bis zum Ende durchhalten, denn «Träumen» ist grosse Literatur. Womöglich wird Knausgård mit seinen Romanen, in Millionenauflage in viele Sprachen übersetzt, zu einem der namhaftesten Schriftsteller unserer Zeit werden.

Überwältigung für Leser

Es geht um den kalten Vater, um seine Ehe mit der schwedischen Schriftstellerin Linda Boström, deren anhaltende Depressionen, die vier gemeinsamen Kinder und sein ungeheuerliches Schuldgefühl, nicht gleichzeitig ein guter Vater, Partner und Schriftsteller zu sein. Es geht um das Versagen im Schuldienst, Bücher, Musik, Freunde, Mädchen, Alkohol und die Schatten der Kindheit. Und immer wieder die Selbsterkenntnis, nicht das eigene Leben zu führen, sondern von seinen Umständen gelenkt zu sein. «Ich versuchte, es zu meinem zu machen, das war der Kampf, den ich ausfocht, aber es gelang mir einfach nicht, alles, was ich tat, wurde von der Sehnsucht nach etwas anderem vollständig ausgehöhlt», schreibt er.

Es ist eine kleine und klägliche Geschichte, die Knausgård erzählt, keine ausgedachte, sondern seine eigene, und er gibt sich nicht die geringste Mühe, zu verbergen, wie kläglich sie ist. Genau deswegen ist das Buch eine Überwältigung. Aber es wird auch eine Erlösung für viele sein, denn endlich schreibt mal einer, wie getrieben er ist, wie er sich in Selbstbusse geisselt, wie er sein Leben bewältigt als Liebhaber, Mann und Vater, als öffentlicher Mensch und Alkoholiker, als literarischer Superstar und vielmals Gescheiterter. Bisher 3529 Seiten geht das so.

Literarischer Anfang war schwer

Konkret geht es um die Jahre zwischen 1988 und 2002. Knausgård ist damals als 19-Jähriger aus der Provinz nach Bergen gezogen, um an der Akademie für Dichtkunst zu studieren. Er verlässt sie nach nur einem Jahr, studiert Kunstgeschichte und weiss, dass das falsch ist.

Er träumt von Erfolg und Glück als Schriftsteller, schafft es aber gerade mal zu rund 20 Seiten und ist neidisch auf die Texte seiner beiden Freunde. Es geht um Frauen, die erste Heirat, Reisen, Seitensprünge und viele Sauftouren, um seine Jobs als Schlagzeuger, Hilfspfleger und auf einer Bohrinsel, um seine Brutalität, als er seinem Bruder ein Glas ins Gesicht rammt, seine Schnitte, die er sich selbst im Gesicht zufügt.

Nichts wird geschönt

Knausgård hat sich entschieden, alles, wirklich alles aufzuschreiben, wie es war. Nichts wird geschönt. Zudem hat er ein phänomenales Gedächtnis, «eine Art absolutes Gehör der Erinnerung». Das erklärt auch die Monumentalität seines Werkes, in wenigen Jahren geschrieben. Und immer mit der ganz grossen Hoffnung auf ein Ende der Einsamkeit: «Oh, wenn ich doch nur fähig wäre, darüber zu schreiben, nein, nicht darüber zu schreiben, sondern die Schrift dazu zu bringen, dies zu sein, dann würde ich glücklich sein. Dann würde ich Ruhe finden.»

Karl Ove Knausgård: «Träumen» Aus dem Norwegischen von Paul Berf. Luchterhand, München, 794 Seiten, Fr. 36.90.