Schlurfen statt schuften

«Das Buch der hundert Vergnügungen» ist ein Pamphlet gegen Stress und das Streben nach Reichtum: Der Brite Dan Kieran propagiert darin die einfachen Freuden des Lebens. Doch manchmal fehlt selbst ihm die Zeit dafür.

Diana Bula
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Dan Kieran, 38 Müssiggänger und Buchautor aus Grossbritannien (Bild: pd)

Dan Kieran, 38 Müssiggänger und Buchautor aus Grossbritannien (Bild: pd)

Dan Kieran, was haben Sie heute bisher unternommen?

Dan Kieran: Ich bin mit meinen Kindern von London nach Dorset zu meiner Mutter gefahren, wo wir ein paar Tage verbringen werden.

Haben Sie die Autobahn benützt?

Kieran: Zu Beginn ja.

Widerspricht das nicht Ihrer Lebensphilosophie, in der die Langsamkeit über allem steht?

Kieran: Doch, deshalb haben wir später auf die Landstrasse gewechselt. Von dort aus sieht man Ruinen von alten Burgen. Heute sind sie nur noch schön anzuschauen und haben keinen Zweck mehr. Das fasziniert mich.

Sich Zeit für Zerstreuungen nehmen, die keinen finanziellen Profit bringen: Dazu ruft das neue Buch auf, das Sie mit Tom Hodgkinson geschrieben haben. Liegen in Ihrem Schrank tatsächlich Morgenrock und Pantoffeln, die Uniform des Müssiggangs?

Kieran: Ich trage sie so oft wie möglich, momentan aber seltener als auch schon. Unser Verlag fördert Schreibtalente per Crowd Funding und das gibt viel Arbeit.

Sie tönen wie ein Stressgeplagter.

Kieran: Es verhält sich wie mit Gemüse: Das Pflanzen bedingt Aktivität. Danach spriesst das Kraut und man ruht sich aus. Für die Ernte muss wieder Hand angelegt werden. Auf mein Leben übertragen, sieht das so aus: Auf eine stressige Zeit im Verlag folgt eine Phase, in der es nur mich, meine Schreibmaschine und die Worte gibt. Ich geniesse es nach wie vor, selber zu schreiben.

Was vermissen Sie in den Phasen, in denen sich alles um Arbeit dreht?

Kieran: Jetzt verbringe ich ein paar freie Tage mit meinen Kindern und bin ausschliesslich Vater. Am Wochenende ging ich mit meinem Vater zu einem Fussballspiel. Da war ich Sohn. Wenn man nur arbeitet, kommen diese verschiedenen Rollen zu kurz. Dabei sind es gerade sie, die das Leben interessant machen.

Wer beim Job nicht vollen Einsatz bringt, gilt in der heutigen Leistungsgesellschaft schnell als bequemlich. Sind Sie faul?

Kieran: Ja, ich bin gerne faul. Das ist nichts Verwerfliches. Aus dem Fenster schauen und alleine mit sich sowie seinen Gedanken sein: Solche Momente sollten wir uns vermehrt zurückstehlen. Vor allem jene, die so viel arbeiten, dass es ihnen nicht mehr gut geht. Mit dem grossen Lohn können sie sich zwar ein Auto kaufen, das ihren Status erhöht. Deswegen fühlen sie sich aber nicht weniger verloren in ihrer Welt.

Etwas Geld braucht es aber auch für die Vergnügungen aus Ihrem Buch. Ohne Pantoffeln kann man schliesslich nicht herumschlurfen.

Kieran: So gesehen sind die Freuden nicht ganz gratis. Aber es geht bei ihnen nicht darum, Reichtum zu demonstrieren. Sie bringen innere Zufriedenheit. Diese lässt sich nicht kaufen.

Nicht allen fällt das Faulsein so leicht wie Ihnen.

Kieran: Es ist schwierig, nichts zu tun. Unser Buch soll dabei helfen, es zu lernen. Schliesslich kann man sich dann nicht mehr hinter dem Job verstecken. Man ist, wie und wer man ist. Politiker wie der britische Ex-Premier Tony Blair würden wohl weinen, wenn sie einen ganzen Tag alleine wären und nichts tun dürften.

Wie sieht für Sie der perfekte Herbsttag aus?

Kieran: Ich würde in den Wald gehen und darauf hoffen, mich zu verlaufen. In solchen Momenten reagiere ich nur auf das, was ich höre und rieche. Man ist alarmiert, fühlt sich lebendig, ist im Moment. Heim gefunden habe ich noch immer.

Auch von Spaziergängen mit Ihren Kindern halten Sie viel.

Kieran: Ja, meine Tochter sitzt dann eine halbe Stunde auf dem Trottoir und beobachtet Kleinstwesen. Solche Pausen tun Erwachsenen gut. Bei Kindern können wir viel abschauen. Was war ich, bevor ich ich war? Sie stellen die besten Fragen und stimmen uns nachdenklich.

Hundert Vergnügungen – mehr hat das Leben nicht zu bieten?

Kieran: Wir hätten noch lange weiterschreiben können, mussten uns jedoch beschränken.

Welche Freude hätte noch eine Seite im Buch verdient?

Kieran: Das Verliebtsein. Erlebt man dieses Gefühl, braucht es nicht mehr, als mit der Liebsten am gleichen Ort zu sein. Auf den Genuss folgt auch hier die Anstrengung. Etwa wenn man sich den Abwasch teilt oder über das Haushaltsbudget diskutiert.

D. Kieran & T. Hodgkinson: Buch der hundert Vergnügungen, Rogner & Bernhard 2013, 217 S., Fr. 25.90

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Focus (Bilder: Stephanie F. Scholz)

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