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SAMSTAGSKOMMENTAR: Nach dem Urteil im Fall Rupperswil bleibt ein schlechtes Gefühl

"Der öffentliche Druck war immens, den Täter lebenslänglich zu verwahren. Die fünf Richter, drei davon Mitglieder der SVP, sahen davon ab, weil die gesetzlichen Bedingungen nicht erfüllt waren." Chefredaktor Stefan Schmid in seinem Samstagskommentar über den Fall Rupperswil und die ordentliche Verwahrung.
Stefan Schmid
Gerichtsverhandlung im Bezirksgericht Lenzburg. (Bild: Sibylle Heusser/Keystone)

Gerichtsverhandlung im Bezirksgericht Lenzburg. (Bild: Sibylle Heusser/Keystone)

Zum Glück ist dieser mediale Showdown vorbei. Der Prozess beendet, das Urteil gesprochen. Es war an der Grenze des Erträglichen, was wir in den vergangenen Tagen vorgesetzt bekamen. Details zum Tathergang, zur psychischen Verfassung dieses gestörten Mannes, zu den unvorstellbaren Qualen, welche die vier Opfer und ihre Angehörigen erleiden mussten.

Der Mörder von Rupperswil muss lebenslänglich ins Gefängnis. Anschliessend wird er ordentlich verwahrt. Das bedeutet: Er bleibt auch nach Verbüssung der Strafe in Gewahrsam. Jährlich wird überprüft, ob die Bedingungen für eine Freilassung erfüllt sind. Das ist nur dann der Fall, wenn vom Täter keine Gefahr mehr für die Gesellschaft ausgeht. Gut möglich, dass der heute 34-jährige Mann nie mehr freikommt. Vielleicht aber doch. Aus heutiger Sicht ist das ein unerträglicher Gedanke.

Der Beschuldigte hatte sich am 21. Dezember 2015 mit gefälschten Schreiben, die ihn als Schulpsychologen auswiesen, Einlass in ein Haus in Rupperswil AG verschafft, wo ein 13-jähriger Bub lebte, der im Zentrum seines pädophilen Begehrens stand. Unter Drohung mit einem Messer brachte er den Buben, dessen 48-jährige Mutter, den noch schlafenden 19-jährigen Sohn und dessen 21-jährige Freundin in seine Gewalt, fesselte sie und verklebte ihnen die Münder. Die Mutter zwang er, Geld von zwei Banken zu holen. Dann verging er sich aufs Übelste am 13-Jährigen. Anschliessend schnitt er allen vier Personen die Kehle durch und zündete das Haus an. Kurz danach suchte er im Internet erneut Knaben, spähte ihre Familien aus, bereitete seinen Rucksack vor und fuhr an die Wohnorte der Kinder. Bevor er erneut zuschlagen konnte, wurde er am 12. Mai 2016 gefasst. Eine Horrorgeschichte, die hierzulande ihresgleichen sucht.

Das kleine Bezirksgericht Lenzburg hat seinen Job gemacht. Es hat ein Urteil gefällt, das sich an den Leitplanken unseres Rechtsstaates orientiert. Der öffentliche Druck war immens, den Täter lebenslänglich zu verwahren. Die fünf Richter, drei davon Mitglieder der SVP, sahen davon ab, weil die gesetzlichen Bedingungen nicht erfüllt waren. Zwei renommierte Gutachter kamen unabhängig voneinander zum Schluss, dass der Mörder nicht dauerhaft untherapierbar sei. Das aber wäre die Grundvoraussetzung gewesen, um ihn für immer einzusperren. Klar ist auch: Ein solches Urteil wäre vom Obergericht, spätestens aber wohl vom Bundesgericht korrigiert worden. Letzteres hat sich wiederholt geweigert, lebenslängliche Verwahrungen auszusprechen, wie es das Volk 2004 gefordert hatte.

Die Unabhängigkeit der Richter, deren Resistenz gegenüber jeglicher Art von Rachejustiz, ist ein hohes Gut in unserem freiheitlichen Staat. Dennoch bleibt nach der Urteilsverkündung ein schlechtes Gefühl zurück – nicht nur, weil die Schreckenstat ohnehin nicht rückgängig gemacht werden kann. Viele von uns wollen dem vierfachen Mörder, der nach einer minutiösen Planung emotionslos unschuldige Menschen umgebracht hat, keine zweite Chance gewähren. Ich gehöre, wenn ich dem Bauchgefühl vertraue, auch dazu. Was braucht es denn noch, um jemanden für immer hinter Schloss und Riegel zu setzen? Gibt es nicht Schreckenstaten, die jeglichen Anspruch auf die Wiedererlangung von Freiheit verwirken? Das sind brisante Fragen, die widerspruchsfreier Antworten harren.

Unser Rechtssystem geht indes davon aus, dass jeder Mensch besser werden kann und daher eine zweite Chance verdient hat. Dass die Gesellschaft mithelfen muss, diesen Weg der moralischen Läuterung zu beschreiten. Selbst skrupellose Täter können eventuell geheilt werden.

Gut, haben die Richter den Mann zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. 15 Jahre lang wird er sich dieser so oder so nicht entziehen können. Danach müssen die zuständigen Fachleute beurteilen, wie gefährlich er noch ist. Bestehen nur die geringsten Zweifel, dann darf dieser Mann tatsächlich nie mehr freigelassen werden.

Stefan Schmid
stefan.schmid@tagblatt.ch

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