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RUSSLAND: Vor der Fussball-WM: Russland will streunende Hunde vernichten

Vor der Fussball-WM herrscht Hundekrieg. Tierschützer protestieren gegen die Vernichtung streunender Vierbeiner. Dabei ist diese schon seit langem üblich.
Stefan Scholl, Moskau
Streunende Hunde sind in Russland ein Problem – eines, das vor der Fussball-WM verschwinden soll. (Bild: Yuri Kochetko/EPA (Moskau, 13. Januar 2018))

Streunende Hunde sind in Russland ein Problem – eines, das vor der Fussball-WM verschwinden soll. (Bild: Yuri Kochetko/EPA (Moskau, 13. Januar 2018))

Stefan Scholl, Moskau

Das Plansoll ist grausam: 4500 streunende Hunde sollen in Jekaterinburg 2018 eingefangen werden, 4050 von ihnen sterben. «Laut Plan werden die Hunde zehn Tage in Quarantäne gehalten, 10 Prozent gesunde und gutmütige Tiere ausgesondert, die übrigen 90 Prozent eingeschläfert», berichtet Anna Waiman, Leiterin der Tierschutzstiftung «Soosaschtschita», gegenüber unserer Zeitung.

«Die 10 Prozent werden sterilisiert und gegen Tollwut geimpft, bekommen noch 20 Tage Gnadenfrist, wenn sie danach niemand aufgenommen hat, tötet man sie auch.» Waiman und ihre Freiwilligen suchen nicht nur für diese 10 Prozent neue Herrchen und Unterkünfte, sondern auch noch für andere gesunde und friedliche Streuner. «Ohne uns wäre das ein Fliessband des Todes», sagt sie. Die Stadtverwaltung reagiert derweil ungerührt: «Unsere Priorität ist die Sicherheit und Gesundheit der Bürger», sagte der Jekaterinburger Rathaussprecher Anatoli Karmanow der BBC. In Russland herrscht Hundekrieg. Ausgerechnet vor der Fussball-WM, die im Juni startet, häufen sich Meldungen über einen Vernichtungsfeldzug gegen streunende Vierbeiner. «Fussball wird gegen Hunde geschützt», titelt die Zeitung «Kommersant». «Elf russische Städte werden mit dem Blut herrenloser Tiere überschwemmt», schimpft die Facebook-Gruppe Bloody Fifa 2018, «so sind die Nazis im Zweiten Weltkrieg mit Menschen umgegangen.» Schon haben über 1,6 Millionen Menschen eine Protesteingabe auf change.org unterschrieben.

Lieber töten als medizinisch versorgen

Eigentlich ist Hundemord auch in Russland inzwischen verpönt. In Sankt Petersburg, in Kaliningrad, Nischni Nowgorod oder Rostow am Don behandeln die Kommunalverwaltungen streunende Hunde nach dem FSIF-Prinzip: «Fangen, sterilisieren, impfen, freilassen.» Nach Angaben der Zeitschrift «Sobesednik» entdeckten im Herbst Tierschützer auf dem Gelände des Ros­tower «Zentrums für herrenlose Tiere» jedoch Tausende Hunde- und Katzenkadaver. Mitarbeiter behaupten, die Videos mit den in Kühlhallen gelagerten Tierkörpern seien gefälscht.

Auch Kopfgeld ist gang und gäbe

Tatsächlich scheint Massen­tötung viel häufiger praktiziert zu werden als die viel kostspieligere medizinische Versorgung der Hunde. Der Duma-Abgeordnete Wladimir Burmatow klagt, Töten sei einfach einträglicher als Versorgen. Und die Moskauer Tierschützerin Jekaterina Dmitri­jewa, eine der «Bloody Fifa»-Initiantinnen, erzählt, Hundefänger kurvten mit Kühlwagen voller toter Hunde von einer Kommunalverwaltung zur nächsten, um Kopfgeld zu kassieren.

Der Astrachaner Stadtrat Oleg Schejn hingegen sagt, die Stadt habe im vergangenen Jahr umgerechnet gut 327600 Franken für die Versorgung von 6000 streunenden Hunden nach dem Prinzip «Fangen, sterilisieren, impfen, freilassen» ausgegeben. Gemäss den Behörden sind für dieses Geld nur 3 Prozent der Tiere sterilisiert, die übrigen vernichtet worden.

Dabei gehört Astrachan gar nicht zu den WM-Spielorten. Und Tierschützerin Weiman aus Jekaterinburg sagt, in den ebenfalls WM-freien Kleinstädten der Region würden die Hunde aus Kostengründen erst gar nicht eingefangen, sondern mit Giftpfeilen abgeschossen. «Die Fussball-WM bietet uns den Anlass, auf die haarsträubende Politik gegenüber den herrenlosen Haustieren aufmerksam zu machen: Fangen und töten», sagt ihre Moskauer Kollegin Dmitrijewa.

Tierheime, mit denen sich etwas verdienen lässt

Das Sportministerium hat die Austragungsstädte inzwischen angewiesen, gegenüber den Streunern möglichst human vorzugehen. Dazu sollen eigens neue Tierheime eingerichtet werden, ein Auftrag, bei dem sich auch wieder viel Geld verdienen lässt. Vizepremier und Schlitzohr Witali Mutko hat schon gezählt: In dem WM-Städten seien insgesamt 2 Millionen Streuner zu versorgen. Drei- bis viermal so viel herrenlose Hunde, wie nach Schätzung von Experten in ganz Russland unterwegs sind.

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