RISIKO: Zivilcourage ist lernbar

Couragiert handeln bedeutet mehr, als anderen Menschen zu erklären, was richtig und was falsch ist. Es heisst unter anderem, in brenzligen Situationen ein persönliches Risiko einzugehen.

Odilia Hiller
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Eingreifen, ignorieren oder die Polizei rufen? Vom Verhalten der Zeugen eines Konflikts kann viel abhängen. (Bild: (62715816))

Eingreifen, ignorieren oder die Polizei rufen? Vom Verhalten der Zeugen eines Konflikts kann viel abhängen. (Bild: (62715816))

Da ist diese Scheu, sich einzumischen. Die Angst, sich zu blamieren oder das Falsche zu machen. Das Risiko, gesagt zu bekommen: «Halt dich da raus. Das geht dich einen feuchten Sch… an. Oder willst du, dass wir dir auch noch eine reinhauen?» Die Machtlosigkeit. Wer will das schon. Und doch fragt man sich manchmal, nachdem man eine unfaire oder brenzlige Situation beobachtet hat, wo jemand in Gefahr war, belästigt, beschimpft oder geschlagen wurde: Warum habe ich nichts gesagt? Warum habe ich nichts getan? Warum hat niemand etwas getan? Und wie laut wird die allgemeine Entrüstung, wenn sich herausstellt, dass Anwesende einfach weggesehen haben, während ein Unglück geschah.

Mutiger Fahrgast

Zivilcourage bedeutet mehr, als einer Einkaufenden im Coop zu sagen, sie solle keine Früchte anfassen, die sie nicht kauft. Es bedeutet nicht, anderen Leuten dauernd das Leben zu erklären und sie daran zu erinnern, was richtig und falsch ist. Zivilcourage ist auch keine Charaktereigenschaft, mit der man geboren wird. Zivilcourage ist der Akt, in schwierigen Situationen ein persönliches Risiko einzugehen. Sich für jemanden einzusetzen, der sich nicht selber helfen kann – und sich allenfalls selber einer Gefahr auszusetzen.

Wie der Fall zeigt, von dem der Thurgauer Polizeisprecher Andy Theler erzählt: Es gibt immer wieder Menschen, die sich trauen, einzugreifen, und damit Schlimmeres verhindern. Im vergangenen Jahr machte ein junger, geistig leicht behinderter Mann Schlagzeilen, der von zwei Männern im Regionalzug Thurbo massiv belästigt wurde – und von einem der beiden auch geschlagen. Sie liessen erst von ihm ab, nachdem sich ein anderer Fahrgast eingemischt hatte. Er wurde ebenfalls zur Zielscheibe von Sprüchen und Rempeleien und wehrte sich. Die Täter verliessen den Zug. Dank Zeugenaussagen und eines Videos konnten sie von der Polizei ermittelt werden.

Der Mann, der sich einmischte, hätte genauso gut nichts tun können. Er wäre unbehelligt geblieben. Er hatte aber – innert Sekunden – beschlossen, nicht den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen. Für ihn wurde die Grenze des Erträglichen überschritten, was sein persönliches Verständnis von Respekt und Toleranz betraf. Er hat gehandelt.

Entscheiden unter Zeitdruck

Diese Art von Mut ist nicht jedermann gegeben. Aber man kann sie erlernen. Die Schweizerische Kriminalprävention (SKP), die Fachstelle der Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren (KKJPD), hat eine Broschüre zum Thema Zivilcourage erarbeitet. Darin sind die wichtigsten Verhaltensregeln in brenzligen Situationen enthalten. Sie tragen dazu bei, auch unter Zeitdruck Entscheidungen zu treffen, die Hand und Fuss haben – und das Risiko, sich selber in Gefahr zu bringen, minimieren.

Amnesty International bietet im Oktober erstmals einen Workshop an, der sich mit dem gleichen Thema befasst. Der Kurs, der in Bern für Erwachsene durchgeführt wird, war innert Kürze ausgebucht, sagt Mediensprecherin Stella Jegher auf Anfrage. Es besteht bereits eine Warteliste. Auch hier geht es darum zu erlernen, wie man in Konfliktsituationen besser reagiert. Die Menschenrechtsorganisation sieht in der Schweiz viel Handlungsbedarf. «Das gilt beispielsweise für rassistische, homophobe oder sexuelle Übergriffe. Die Botschaft lautet: Auch wenn man nicht selber bedroht ist, soll man handeln», sagt die Mediensprecherin. Mit etwas Übung könne so jeder Einzelne einen konkreten Beitrag zur Einhaltung der Menschenrechte leisten.

Sechs Verhaltensregeln

Die von der Polizei vorgeschlagenen Verhaltensregeln sind:

1. Gefahrlos handeln. Kein zweites Opfer werden. Körperliche Bedrohung meiden.

2. Mithilfe fordern. Sofort andere Zuschauer ansprechen und nach der Einschätzung der Situation fragen.

3. Genau hinsehen. Einzelheiten registrieren. Für eine spätere Zeugenaussage ist genaues Beobachten wichtig.

4. Hilfe holen. Wenn eine Prügelei bereits in vollem Gange ist, sofort Telefon 117 (Polizei) wählen. Das gilt auch für häusliche Gewalt.

5. Opfer versorgen. Auch wenn man nicht eingreifen kann: nicht weggehen. In der Nähe warten, bis man helfen kann.

6. Zeugenaussage machen. Warten, bis die Polizei am Tatort eingetroffen ist, und sich als Zeuge oder Zeugin zur Verfügung stellen.

Dieser Artikel ist in der "Ostschweiz am Sonntag" vom 16. August 2015 erschienen. Aktualität verliehen hat ihm nun wieder der Fall eines 62-jährigen St.Gallers, der in einem Bus angegriffen wurde. Er hatte eine junge Frau vor sexueller Belästigung schützen wollen.