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REVOLUTION: Im Schlaf fast verraten

Am 9. April 1917 fuhr Lenin im plombierten Zug von Zürich nach St. Petersburg. Ein packendes Buch erzählt die Reise nun nach.
Erika Achermann
So stellten sich spätere Propagandisten Lenins Zugfahrt nach St. Petersburg vor. (Bild: Getty)

So stellten sich spätere Propagandisten Lenins Zugfahrt nach St. Petersburg vor. (Bild: Getty)

Erika Achermann

focus@tagblatt.ch

Es war Ostermontag, als Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, in Zürich den Zug bestieg. Insgesamt 3200 Kilometer und vier Grenzübertritte liegen vor ihm. Komfortabel wird die Reise nicht. An der Schweizer Grenze konfiszieren die Zöllner Käse, Wurst und Ostereier. Der Reiseproviant ist weg. Im Krieg war es verboten, Schweizer Ware auszuführen. Im verschlossenen deutschen Waggon mit Holzbänken der 2. und 3. Klasse ist es eng. Lenin ist ungehalten über den Lärm, den Zigarettenrauch in den Abteilen. Aber warum ist er nicht einfach mit falschem Pass und Perücke getarnt allein nach Russland gereist? Seine Frau hat davon abgeraten. Lenin hält im Schlaf laute Reden – er hätte sich selbst verraten.

Das Kalkül der Grossmächte geht nicht auf

Als Lenin im März 1917 in der Zentralbibliothek Zürich von der Absetzung des Zaren und den Unruhen in Petrograd hört, ist er nicht zu halten. Weder die Franzosen noch die Briten wollen ihn durchs Kriegsgebiet reisen lassen. Nur das deutsche Auswärtige Amt hält eine Durchreise für «angezeigt». Wohl mit der Hoffnung, dass Russland geschwächt würde und sich Deutschland der Westfront zuwenden könnte. Lenin verhandelt mit der deutschen Botschaft in Bern. Wer hat eigentlich die teure Reise bezahlt? Es gibt eine Art Crowdfunding unter Schweizer Sozialisten. Auch deutsche Gelder fliessen in die «Kampfkasse». Lenin wird später vorgeworfen, er habe sich vom Feind Deutschland finanzieren lassen. Beweise fand auch die britische Historikerin Catherine Merridale nicht, die Lenins Reise und sein Umfeld minutiös recherchiert hat in ihrem Buch «Lenins Zug». Die Herkunft des Goldes fand sich so wenig wie die Namen der Spione, die mitgereist sind. Sicher ist jedoch: Das Kalkül der Grossmächte, den politischen Gegner zu spalten, um die eigene Macht zu erhalten, ging nicht auf. Lenin wusste genau, was er wollte. Im unruhigen Petrograd wirkten seine klaren Gedanken, sein Charisma und vor allem seine überschwängliche Energie auf seine Widersacher ermüdend. Die provisorische Regierung wurde abgesetzt. Die Bolschewiki übernahmen die Macht. Ob die Oktoberrevolution ohne die Ankunft Lenins im April 1917 in Petrograd anders ausgefallen wäre? Schon möglich. «Lenins Zug» kann man auch als «Parabel über Grossmachtintrigen» lesen, wie Catherine Merridale selber sagt.

Catherine Merridale: Lenins Zug. S. Fischer 2017. 384 S., Fr. 32.–

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