Revolution im Dreivierteltakt

Vor 200 Jahren feierte der Walzer auf dem Wiener Kongress den weltweiten Durchbruch. Fast vergessen ist heute: Der vermeintlich altmodische Walzer war einmal revolutionär.

Rudolf Gruber
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«Es ist logisch, dass diese Musik in dieser Stadt entstanden ist, den Wienern liegt sie im Blut.» So sagt es Eduard Strauss, Ururenkel und Urgrossneffe der legendären Walzerkönige Johann Strauss Vater und Sohn. Zu hundert Prozent stimmt das allerdings nicht. Erfunden wurde der Walzer nicht in Wien, seine Ursprünge liegen rund 250 Jahre zurück, in Volkstänzen wie dem deutschen Ländler; ein Vorläufer war auch die französische Musette. Die Bezeichnung Wiener Walzer gibt es seit etwa 1825, geprägt haben sie Johann Strauss Vater und dessen Freund Joseph Lanner, gleichfalls ein genialer Musiker. Johann Strauss Sohn sollte beide noch übertreffen, er verpasste dem Walzer mehr Glamour und Temperament, machte ihn zur Popmusik des 19. Jahrhunderts und sich selbst zum gefeierten Superstar.

Der Kongress tanzt

Ausgerechnet dem reaktionären Regime des Fürsten Metternich verdankt der Walzer den internationalen Durchbruch. Denn die Bühne dafür bot der Wiener Kongress, der vor genau 200 Jahren Monarchen, Staatsmänner, Minister und Diplomaten Europas und Russlands in der Hofburg, der Kaiserresidenz, versammelte. Das Palaver über die Neuordnung Europas nach den Napoleonischen Kriegen zog sich derart in die Länge, dass Kaiser Franz I. und sein Staatskanzler Metternich, der grosse Regisseur des Kongresses, weder Kosten noch Mühen scheuten, die erlauchten Gäste rund um die Uhr mit allerlei Plaisir – Banketten, Bällen, Jagden, Schlittenfahrten, Opern- und Theateraufführungen – zu verwöhnen.

Die neumodischen Tanz- und Kostümfeste in den Vorstadtlokalen – vom Walzerkönig Strauss war noch keine Rede – kamen da gerade zupass, das Walzerfieber erfasste auch die Hofburg-Redouten und feinen Etablissements. Von dem damals 80jährigen k. u. k. Feldmarschall Fürst Charles de Ligne ist das berühmte Bonmot überliefert: «Der Kongress kommt nicht weiter, er tanzt.» Die internationale Presse, die ausgiebig über das bunte und skandalträchtige Kongresstreiben berichtete, verbreitete das Walzerfieber in ganz Europa bis nach Russland und Amerika.

Dirty Dancing des Biedermeier

Fast vergessen ist, dass der heute als altmodisch geschmähte Walzer nachgerade revolutionär war. Er lockerte die strengen biedermeierlichen Sitten und veränderte radikal das Freizeitverhalten der Wiener quer durch alle Schichten. Namentlich die Popularität der Musik von Johann Strauss Sohn, der selbst keinen Respekt vor der Obrigkeit kannte, hob alle Klassenschranken auf, zumindest während der durchtanzten Nächte. Da konnte es passieren, dass ein vornehmer Herr auf dem gleichen Ball seiner «Kuchldirn» (Küchenmagd) begegnete und mit ihr auf dem Tanzboden herumhüpfte.

Kaiser und Klerus waren alarmiert, man sah in den ausgelassenen Tanzfesten Anzeichen politischer Mündigkeit und zivilen Ungehorsams. Tatsächlich scherten sich die Wiener wenig um behördliche Verbote und kirchliche Bannflüche («Teufelstanz»), wollten aber keinen politischen Umsturz, sondern bloss das neue Vergnügen geniessen. Der Anblick von Paaren, die sich wild und eng umschlungen walzten (drehten), von kreischenden Frauen, deren Fussknöchel unter dem flatternden Rocksaum hervorblitzten, war völlig ungewohnt und galt als höchst unmoralisch. Von der erst später vielgerühmten schwebenden Eleganz des Walzers war noch wenig zu sehen, man berauschte sich vielmehr an der erotisch knisternden Stimmung. Walzertanzen war quasi das Dirty Dancing des Biedermeier.

Auf die Körperhaltung kommt es an

Seit dem Wiener Kongress lässt sich Wien die Glorie «Welthauptstadt der Musik» nicht mehr nehmen. Die Donaumetropole ist mächtig stolz, wenn heute die halbe Welt via Fernsehen dem Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker lauscht. Stilvoller als mit einem Wiener Walzer könnte man das alte Jahr wohl kaum ausklingen lassen und das neue begrüssen. Und die Wiener feiern noch heute wie in alten Zeiten: Jährlich finden in der Stadt rund 300 Bälle statt, vom übrigen Österreich ganz zu schweigen. Höhepunkt ist stets der Opernball, ein historisches Erbe der Metternich-Ära, heute das Hochamt für den Walzer, das auch die Republik wie einen monarchischen Staatsakt zelebriert – in diesem Jahr am 12. Februar.

«Der Walzer ist zeitlos, ihn wird es noch in 200 Jahren geben», ist Thomas Schäfer-Elmayer, Chef der traditionsreichsten Wiener Tanzschule, überzeugt. Dort werden ganzjährig Tanzkurse für alle Altersklassen angeboten. Und der Andrang ist unverändert gross. «Den Walzer kann jeder lernen», sagt «der Elmayer», wie die Wiener den Tanzlehrer der Republik ehrfürchtig nennen. Mit nur sechs Schritten im Dreivierteltakt sei er im Vergleich zu anderen Standardtänzen eher einfach. Und wo ist der Haken? «Es kommt auf die Körperhaltung an», lächelt Elmayer verschmitzt.