Rentable Rentner in der Babyklappe

Alle reden schon wieder von der Rentnerschwemme. Es ist ein bisschen wie beim Atommüll: Man ist gewahr, dass da die Gesellschaft etwas überproduziert hat, aber niemand weiss, wo man das jetzt alles vernünftig verstauen könnte.

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Gabriel Vetter ist Slam-Poet. 2006 gewann er als bisher jüngster Preisträger den renommierten Kabarettpreis «Salzburger Stier».

Gabriel Vetter ist Slam-Poet. 2006 gewann er als bisher jüngster Preisträger den renommierten Kabarettpreis «Salzburger Stier».

Alle reden schon wieder von der Rentnerschwemme. Es ist ein bisschen wie beim Atommüll: Man ist gewahr, dass da die Gesellschaft etwas überproduziert hat, aber niemand weiss, wo man das jetzt alles vernünftig verstauen könnte. «Die Bevölkerung altert immer schneller», war neulich zu lesen.

Emils schlaue Rechnung

Wobei diese Einsicht natürlich ein exponentiell alter Hut ist. Es gibt ja die berühmte Kabarett-Nummer von Emil Steinberger, in der sich ein Vater über die Mathematik-Hausaufgaben seines Kindes wundert. Ein Rechnungsbeispiel etwa geht so: «Wenn der Sohn vier Jahre alt ist, ist die Mutter 25. Wie alt ist die Mutter, wenn der Sohn 18 ist?» Emil nimmt schlauerweise den Dreisatz zur Hand und rechnet vor: «Wenn der Sohn fünf ist, ist die Mutter 26, wenn er sechs ist, ist sie 27. Sechs ist dreimal in 18 enthalten, also dreimal 27, das heisst: Wenn der Sohn 18 ist, ist die Mutter 81.»

Das Problem der Überalterung ist ja nicht nur ein soziales oder ein medizinisches, sondern vor allem ein ökonomisches. Von «Restlebenserwartung» oder «Langlebensrisiko-Minderung» ist deshalb zu lesen. Das klingt mir sehr nach technokratischen Unwörtern. Und das finde ich auch vollkommen richtig. Denn bei diesem Thema sind Gefühle fehl am Platz. Man muss das Alter endlich ent-emotionalisieren – gerade sprachlich.

Mit bewährten Methoden

Schliesslich geht es bei der Diskussion um die Renten nicht um den Menschen, sondern um die Volkswirtschaft. Und da drin hat der Mensch mit seinem Emo-Firlefanz nun mal nix zu suchen. Drum habe auch ich die ökonomisch gedrillten Ecken meines Denkapparates etwas angestupst und präsentiere hier gerne ein paar Überlegungen, wie man das Problem der Überalterung unserer Gesellschaft mit bewährten Methoden aus der globalen Wirtschaft angehen könnte.

Der Staat könnte zum Beispiel jedem Bürger eine feste Anzahl von Lebensjahren zugestehen. Sagen wir mal: 75 Jahre. Jeder und jede dürfte dann 75 Jahre offiziell leben. Die Bürger könnten dann mit diesen 75 Jahren – wie bei CO2-Emissionen längst üblich – mit anderen Bürgern Handel betreiben. Hinterbliebene von Menschen, die diese 75 Jahre nicht aufgebraucht hatten, könnten dann die übriggebliebenen, geerbten Jahre an den Meistbietenden versteigern. Auf den Erlös dieser Versteigerungen könnte der Staat Steuergelder erheben, welche in die Rentenkassen zurückfliessen.

Sozialverträgliches Frühableben

Somit würde nach einer gewissen Zeit der General-Satz an zugestandenen Lebensjahren von 75 auf vielleicht 76 Jahre erhöht. Das heisst: Man hätte die schöne Situation, dass die Menschen durch einen omnipräsenteren Tod länger leben dürften. Oder der Staat könnte ein strukturelles Restlebenszeit-Defizit festlegen, also eine volkswirtschaftlich budgetierte Zahl an Fällen von sozialverträglichem Frühableben. Jede Raucherlunge würde dann zur Helvetia-Märtyrerin geadelt.

Schwarze Zahlen für jeden

Oder man macht es einfach so, dass man das Alter generell privatisiert. Das würde zur Folge haben, dass nicht mehr ein ganzes Altersheim rentabel sein müsste, sondern jeder darinsitzende Rentner auch. Jeder Senior hätte dann für sich rentabel zu agieren, mit unabhängigen schwarzen Zahlen, so wie bei Tamedia. Und wer nicht rentiert, weil er sich nicht rechtzeitig pro-aktiv verhalten hat, kommt in die Baby-Klappe. So einfach ist das. Aber wahrscheinlich hat die HSG dieses Szenario eh längst durchgerechnet und im Parlament deponiert.

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