«Reisst die Hütte ab»

Partywütige jeden Alters treffen sich während der Ski-WM in der riesigen Fan-Arena. Die Hüttengaudi löste wegen Party-Mottos wie «Zeig der Zilli deinen Willi» oder «Super Schnitten lassen bitten» Diskussionen aus.

Christof Krapf/Schladming
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Hüttengaudi de luxe in Schladming: Bis zu 1800 zelebrieren den Après-Ski in der Gösser-Fan-Arena. (Bild: freshfocus/Valeriano Di Domenico)

Hüttengaudi de luxe in Schladming: Bis zu 1800 zelebrieren den Après-Ski in der Gösser-Fan-Arena. (Bild: freshfocus/Valeriano Di Domenico)

Die Temperatur beträgt gefühlte 40 Grad, es riecht nach Zigarettenrauch, Bier und Schweiss. Während der Ski-WM in Schladming treffen sich Partywütige in der Gösser-Fan-Arena. Die österreichische Brauerei hat eigens für den Sportevent ein gigantisches Zelt aufstellen lassen. 36 Sattelschlepper karrten das Material nach Schladming und 250 Mitarbeiter sorgen dafür, dass bis zu 1800 Besucher keinen Durst leiden. Denn getrunken wird in der Fan-Arena in Massen. Der Ballermann – Mallorcas legendärer Partystrand – verschiebt sich jeden Winter in die österreichischen Alpen. Dort heisst er dann nicht mehr Ballermann, sondern Hüttengaudi. So tanzt und feiert auch in Schladming das Publikum zu deutschen Schlager-Hits, die einem in nüchternem Zustand peinlich sind, deren Text aber jedermann kennt. Schon auf dem Weg zum Festzelt hört man die Musik: «Oh wie ist das schön», singen Tausende Partybesucher.

«Scharfe Kanten, heisse Tanten»

Im Zelt hat eine Band die Bühne betreten. Eine Gruppe betrunkener Skifans mit Tröten und österreichischen Fahnen brüllen der Sängerin «Ausziehen» zu. Begleitet wird Bandleaderin von vier Kollegen. Alle mit Gelfrisur, Kinnbärtchen, Poloshirts mit hochgestelltem Kragen und Lederhosen – eine Mischung zwischen Schlagerstars, Playboys und Skilehrer. Die Band spielt zu Beginn den Song «Narcotic» von der Band «Liquido». Der Partysong schlechthin: Auch weil man beim Refrain keinen Text kennen muss, sondern unartikuliert mitgrölen kann. Einen Songtext könnte sich sowieso ein grosser Teil der Besucher gar nicht mehr merken. Der Alkoholkonsum ist hoch.

Einen ersten Höhepunkt erreicht die Stimmung bei einem Klassiker der österreichischen Popmusik. «I will ham nach Fürstenfeld», singt die Band – die Menge grölt begeistert mit. Ob einige von ihnen den «Hamweg» noch schaffen werden, ist fraglich. Zwischen den Showblöcken der Band finden Spiele auf der Bühne statt. Männer messen sich im Fingerhakeln oder Bierhumpen-Stemmen. Man will sich dem weiblichen Geschlecht schliesslich von seiner stärksten Seite präsentieren. Ursprünglich hatten die Veranstalter geplant, ihre Parties mit Mottos zu versehen wie: «Zeig der Zilli deinen Willi», «Superschnitten lassen bitten», «Scharfe Kanten, heisse Tanten» oder «Huschi Wuschi mit der Uschi». Damit sollte wohl der Flirtfaktor erhöht werden.

Zehn zahlen, elf trinken

Bereits in der ersten WM-Woche kamen die Hüttengaudis allerdings ohne Motto daher. Denn diese lösten in den Medien und im Internet öffentliche Kritik, einen sogenannten Shitstorm, gegen die Brauerei Gösser aus. Dem Veranstalter wurde vorgeworfen, er stelle Frauen als reine Lustobjekte hin und die Slogans seien obendrein sexistisch – Gösser entschloss sich, stattdessen ohne Motto weiter zu feiern. Den Besuchern sind die Diskussionen sowieso egal: «Wir wollen einfach feiern. Das Motto muss man nicht so ernst nehmen», sagt eine 25jährige Wienerin, die mit drei Freundinnen an die WM gekommen ist.

Wer meint, das fehlende Motto tue der Hüttengaudi einen Abbruch, sieht sich getäuscht. Menschen jeden Alters feiern ausgelassen und bestellen fleissig Getränke. Besonders beliebt, sind die «Ski». Auf einem Brett von einem Meter Länge sind elf alkoholische Mischgetränke aufgestellt. «Zehn zahlen, elf trinken», so das Angebot. Die Trinkerei beginnt zu wirken: Ein junger Mann mit Glatze und Sonnenbrille wankt in Richtung Jägermeister-Bar. Er muss dabei von seinen Kollegen gestützt werden. Dies hindert ihn aber nicht daran, eine weitere Runde Schnaps zu ordern.

«Ich bin solo, ich bin solo»

Der Alkoholkonsum hat auch zur Folge, dass auf der Tanzfläche ungleiche Paare zusammenfinden. Ein alter Mann in Knickerbocker-Socken und schweren Bergschuhen, tanzt mit einer Mittzwanzigerin in High Heels. Mittlerweile hat ein DJ die musikalische Unterhaltung übernommen. Er spielt Ballermannhits am Laufmeter. «Ich bin solo, ich bin solo, ich bin solo, scheissegal», dröhnt zur Melodie von «Sailing» aus den Boxen. Wenn Rod Stewart wüsste, was ein deutscher Schlagersänger aus seinem Lied gemacht hat, er wäre nicht erfreut. Ein Mittfünfziger tanzt zum «Solo-Song» begeistert auf der Tanzfläche und grölt mit – am Ringfinger der linken Hand blitzt ein Ehering. Jede Party geht einmal zu Ende: Der DJ spielt seinen letzten Trumpf aus: «Reisst die Hütte ab», singen die Besucher ausgelassen. Dass sie den Liedtext nicht in die Tat umsetzen, dafür sorgen Dutzende Sicherheitsleute. Einer hat vor der Toilette Position bezogen und kassiert 50 Cents WC-Gebühr: Das kann bei solch hohem Bierkonsum ins Geld gehen.