REISEN: Fliegen ist kein Kinderspiel

In den USA verteilen Eltern, die mit Kindern fliegen, Geschenksäckchen. Sie stimmen damit die anderen Passagiere milde – für den Fall, dass die Kleinen über den Wolken unaufhörlich weinen. Tun oder lassen?

Diana Hagmann-Bula
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Dieser Bub scheint sich im Flieger wohl zu fühlen. Aber nicht jedem Kind ergeht das so, sehr zum Ärger einiger Mitreisender. (Bild: Getty)

Dieser Bub scheint sich im Flieger wohl zu fühlen. Aber nicht jedem Kind ergeht das so, sehr zum Ärger einiger Mitreisender. (Bild: Getty)

Diana Hagmann-Bula

diana.hagmann-bula@tagblatt.ch

Andaqi ist vier Monate alt, fliegt zum ersten Mal und entschuldigt sich im Voraus. Dafür, dass sie vielleicht Angst bekommt oder der Ohrendruck sie plagt. Das steht in einem Brief an die Mitreisenden, den Andaqis Mutter im Namen ihres Babys verfasst, mit Süssigkeiten in Beutel gepackt und verteilt hat. Vorsorgliche Wiedergutmachung für jene, die «mein öffentliches Ständchen nicht so sehr geniessen wie Mama», ist zu lesen. Die Meinungen über den Trend, der aus den USA kommt und dort auf Mütterblogs verbreitet wird, gehen auf Social Media auseinander. Die einen halten die Geste für eine «Nettigkeit, mit der Eltern die Gefühle der Mitreisenden ernst nehmen». Andere sehen ihn als «billige Entschuldigung der Egoisten». Jener Eltern also, die trotz Kindern weiterhin reisen. Und zwar nicht nur auf den Campingplatz im nahen Ausland.

Flieger beobachten statt durch die Kontrolle hetzen

Bei der Fluggesellschaft Swiss ist bisher kein Fall bekannt, in dem Eltern mit Geschenksäckchen Mitreisende beschwichtigen wollten. Es komme gelegentlich aber vor, dass sich Business-Class-Passagiere, die neben Familien sitzen, über deren Geräuschpegel beschweren würden. Sich deswegen mit Mitgebrachtem entschuldigen? Notorische Armlehnenbesetzer, Lautschnarcher und Vor-sich-hin-Stinker tun das auch nicht.

«Eltern müssen sich gut überlegen, welche Signale sie mit einer solchen Aktion senden. Wir ermuntern sie, selbstbewusst aufzutreten. Kinder lernen, indem sie erleben», sagt denn auch Maya Hofmann, Mütter- und Väterberaterin beim Ostschweizer Verein für das Kind in St.Gallen. Tatsache sei aber auch, dass sich Kleinkinder daheim am wohlsten fühlen. «Wegen ihnen muss man nicht nach Mallorca fliegen.» Der Entwicklungsstand sowie das Temperament des Kindes und der Wunsch der Eltern nach Tapetenwechsel: All das gelte es bei der Ferienwahl zu berücksichtigen und «den grössten gemeinsamen Nenner zu finden». Hofmann rät, das Fliegen mit Nachwuchs auf einer kurzen Strecke bis zu zwei Stunden auszuprobieren. Warme Kleider gegen die Klimaanlage und gesunde Snacks gegen den Hunger mitnehmen, die Kinder bei Start und Landung trinken lassen, um den Ohrendruck auszugleichen, sind weitere Tips. Und statt durch die Passkontrolle zu hetzen, plane man besser viel Zeit am Flughafen ein. Etwa um auf der Besucherterrasse Flieger zu beobachten und so das Interesse der Kinder für die Reise zu wecken. Verkommt das Abenteuer dennoch zum Nerventrip, ist es vielleicht einfach noch zu früh.

«99 Prozent der Eltern haben Bedenken»

Nathalie Sassine aus Dättlikon ZH beschäftig sich als Mütterbloggerin ( www.rabenmutter.ch ) immer wieder mit solchen Themen. Anders als manche US-Kollegin empfiehlt sie die Geschenksäckchen nicht generell. «Wir sollten Verständnis haben für ein Baby, das auf einem Flug weint, weil seine Ohren schmerzen», sagt sie. Trete ein Vierjähriger aber die ganze Zeit über dem Passagier vor ihm in die Rückenlehne, sei eine Entschuldigung angebracht. «Wenn die Eltern nicht reagieren, rede ich ein ernstes Wort mit dem Kind», sagt die zweifache Mutter. Besonders wenn sie mit ihrem Mann alleine unterwegs sei, wolle sie «keine Krabbelgruppe um sich herum haben».

Als Betreiberin eines Online-Reisebüros weiss Sassine aber auch, dass Eltern ihre Kinder meist nicht leichtsinnig in ein Flugzeug schleppen. «99 Prozent der Mütter und Väter, die bei uns ihren ersten Flug mit Kindern buchen, haben Bedenken.» Sie rät Eltern mit Fernweh dennoch davon ab, statt Badeferien in den Tropen einen Aufenthalt in einem Tiroler Kinderhotel zu buchen – nur um den Flug zu vermeiden. «Will man lieber die weite Welt erkunden, wird man in einer solchen Unterkunft kaum glücklich und verdirbt der ganzen Familie die Laune», sagt Sassine und fährt fort: «Es müssen ja nicht gleich die Malediven sein, es gibt schöne Orte am Meer, die näher liegen.»

Vielleicht benehmen sich die Kinder ja, als hätten sie nie etwas anderes getan als zu fliegen. Zwingt die Kleine trotz aller elterlicher Bemühungen den Passagieren ein geschrieenes Ständchen auf, können sich Mutter und Vater immer noch einreden: Es ist auch egoistisch, Familien zu Ferien auf dem nahen Campingplatz zu verdonnern, nur weil man im Flieger seine Ruhe haben will. Oder sie kontern böse Blicke trocken mit: «Bei Malaysia Airlines in der First Class der A380-Maschinen müssen Kleinkinder draussen bleiben. Buchen Sie doch dort einen Sitz.»