REFORMATION: Der Anschlag fand nicht statt

Viele sehen im 31. Oktober 1517 die Geburtsstunde der Reformation. Dass Martin Luther an diesem Tag seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel an die Kirchentür gehämmert hat, ist aber blosse Legende.

Mario Andreotti
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Eindrücklich, aber wohl so gar nie geschehen: Martin Luther hämmert seine 95 Thesen ans Kirchenportal (Joseph Fiennes im Film «Luther» aus dem Jahr 2003). (Bild: PD)

Eindrücklich, aber wohl so gar nie geschehen: Martin Luther hämmert seine 95 Thesen ans Kirchenportal (Joseph Fiennes im Film «Luther» aus dem Jahr 2003). (Bild: PD)

Mario Andreotti

focus@tagblatt.ch

Die Geschichte steckt bekanntlich voller Mythen, die sich immer wieder um bedeutende Gestalten ranken. In Deutschland gehört etwa der mittelalterliche Kaiser Friedrich Barbarossa, in Österreich die schöne Kaiserin Elisabeth, besser bekannt unter dem Namen Sisi, und in der Schweiz der grosse Volkserzieher Heinrich Pestalozzi zu solch mythisch verklärten Gestalten. Mit dem Wittenberger Reformator Martin Luther gesellt sich eine weitere historische Gestalt zu diesem erlauchten Kreis. In Luthers angeblichem Thesenanschlag von 1517, der als Beginn der Reformation in die Geschichte eingegangen ist, verbirgt sich gleich ein zweifacher Mythos. Doch inwiefern trifft das zu?

Die Legende vom Thesenanschlag

Der Vorgang, wie er in der überkommenen Geschichtsschreibung berichtet wird, ist bekannt: Am Vortag von Allerheiligen, am 31. Oktober 1517, nagelt Martin Luther mit lauten Hammerschlägen 95 Thesen gegen das Ablassunwesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg. Dies ist auf vielen Darstellungen zu sehen und findet sich als vermeintliche Tatsache in fast allen Geschichtsbüchern. Es ist ein Bild, das, wie kaum ein anderes, zum Symbol der Reformation wurde. Aber stimmt das Bild auch?

Schon der Umstand, dass die Thesen lateinisch waren, muss uns hellhörig machen. Wer hätte sie denn lesen können, zumal Luthers Zielpublikum, eine breitere Öffentlichkeit, Latein so wenig verstand wie heute, einmal abgesehen davon, dass viele gar nicht lesen konnten? Nein, die Botschaft selber wurde einer grösseren Leserschaft nicht durch die lateinischen Thesen bekannt, sondern durch den 1518 in Deutsch verfassten «Sermon von Ablass und Gnade», der den eigentlichen Durchbruch Luthers als Schriftsteller brachte. Zudem gibt es für den angeblichen Thesenanschlag weder Zeitzeugen, noch ist in irgendeiner reformatorischen Publikation bis zu Luthers Tod 1546 von ihm die Rede. Populär wurde er erst danach, vor allem durch Philipp Melanchthon, der ihn erstmals 1547 in der Vorrede zum zweiten Band seiner Ausgabe der Werke Luthers erwähnte. Melanchthon war allerdings erst 1518 an die Wittenberger Universität berufen worden, kann daher nicht Augenzeuge eines solchen Ereignisses gewesen sein.

Trotzdem entwickelte sich der Thesenanschlag zum Gründungsmythos der Reformation. Die Erklärung dafür ist relativ einfach: Es wirkt ergreifender, wenn die Thesen mit lauten Hammerschlägen an das Tor einer Kirche genagelt werden, als wenn man sie nur zur Disputation unter Gelehrten, wie es der historischen Wahrheit wohl eher entspricht, versendet. In Tat und Wahrheit hat Luther die Thesen als Beilage eines Briefes an Albrecht von Brandenburg, den Erzbischof von Mainz und Magdeburg, geschickt. Da eine Stellungnahme des Erzbischofs ausblieb, gab Luther die Thesen an einige Bekannte weiter, die sie kurze Zeit später ohne sein Wissen publizierten und damit zum Gegenstand einer öffentlichen Diskussion im gesamten Reich machten.

Wann ist die Geburtsstunde der Reformation?

Der Thesenanschlag von 1517, der selbst von den Kirchenhistorikern noch weitgehend als Tatsache hingestellt wird, gehört ­damit genauso ins Reich der Legenden wie etwa jene berühmt gewordenen Worte: «Hier stehe ich und kann nicht anders. Gott helfe mir, Amen!», die Luther auf dem Reichstag in Worms 1521 seiner Verweigerung des Widerrufs hinzugefügt haben soll.

Die protestantischen Kirchen feiern den Thesenanschlag, wie bereits angedeutet, als ihren Gründungstag. Doch auch das entspricht nicht ganz den historischen Fakten, denn Luther hatte keinen «Anschlag» auf die Kirche im Sinn. Die Thesen sollten vielmehr zu einer Disputation über theologische Fragen, insbesondere über das Ablasswesen, im akademischen Kreise einladen. Lesen wir sie selber, so stellen wir immer wieder fest, dass Luther der Meinung war, der Papst habe keine Kenntnis von der marktschreierischen Weise, in der die Ablassprediger, allen voran der Dominikaner Johannes Tetzel, die Bedeutung der Geldspenden zu Gunsten des Baus der Peterskirche in Rom hervorhoben. In der 50. These heisst es beispielsweise: «Wenn der Papst die Erpressungsmethoden der Ablassprediger wüsste, sähe er lieber die Peterskirche in Asche sinken, als dass sie mit Haut, Fleisch und Knochen seiner Schafe erbaut würde.» Von einem Bruch Luthers mit dem Papsttum und der Kirche kann um 1517 also noch keine Rede sein.

Wenn wir nach der Geburtsstunde der Reformation fragen, dann ist sie anderswo zu suchen. Es bieten sich gleich zwei historische Ereignisse an: zum einen Luthers «Turmerlebnis» 1513, wo er nach einem langen Ringen ­ um Gott zu einem neuen Schriftverständnis findet, nach dem die «Gerechtigkeit Gottes» nicht richterliche Strenge, sondern völlig unverdiente göttliche Gnade meint, die dem zuteil wird, der sie in gläubigem Vertrauen ergreift. Ohne dieses Turmerlebnis gäbe es weder die 95 Thesen noch den Reichstag zu Worms. Und da ist zum andern die Leipziger Disputation im Sommer 1519, an der Luther gegenüber seinem Gegner Johannes Eck die Unfehlbarkeit der Konzilien und des Papstes, ja den päpstlichen Primat überhaupt, leugnet. Damit entfernt er sich öffentlich vom Boden der kirchlichen Lehre. Das ist die eigentliche Geburtsstunde der Reformation, wird doch von da an Luthers weit über die Ablassfragen hinausgehendes reformatorisches Bestreben deutlich. Die protestantischen Kirchen wären gut beraten, die Leipziger Disputation von 1519, in der die wesentlichen Unterschiede zwischen katholischer und reformatorischer Lehre erstmals hervortraten, als ihr Gründungsereignis zu feiern.