«Reduktion auf das Wesentliche ist mir wichtig»

Christina Genova
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MoE – der Schriftzug ist schon von weitem sichtbar. Er hat etwas Grossstädtisches an sich, erinnert an jenen des MoMA, das Museum of Modern Art in New York. Die drei Buchstaben stehen für Museum of Emptiness – Museum der Leere – und sind angebracht über der Eingangstür zu einem unscheinbaren Altbau. Die Fülle der Warenwelt ist nicht weit entfernt: Zum St. Galler Einkaufszentrum Neumarkt sind es nur wenige hundert Meter.

Das Museum der Leere ist Gilgi Guggenheims Projekt des Jahres. «Der Raum ist auf mich zugekommen, ich war nicht auf der Suche», sagt die St. Galler Künstlerin. Er wurde ihr im Frühling als Atelier angeboten; lange war dort eine Schreinerei untergebracht. Gilgi Guggenheim wusste, dass die Zeit gekommen war, dort zu realisieren, was sie schon seit fünf Jahren beschäftigte. Die 43-Jährige wollte einen Ort schaffen, wo man die Leere erleben und sich damit auseinandersetzen kann, wo keine Bilder und Informationen niederprasseln. «Reduktion auf das Wesentliche war mir in meiner Kunst immer wichtig», sagt Gilgi Guggenheim. Das zeigt sich auch in ihren neuen Werken, die in der Alten Fabrik in Rapperswil zu sehen sind. Mit einem riesigen Pinsel zieht sie eine Linie über die Leinwand – ein kurzer Moment, dem lange Vorbereitung und Konzentration vorausgeht.

Gilgi Guggenheim putzte, schrubbte und strich das Museum mit der grossen Fensterfront, frischte Täfer und Fischgrätparkett auf. Anfang September anlässlich der St. Galler Museumsnacht wurde das Museum of Emptiness eröffnet. Der Mut der Künstlerin, ihre Energie und ihr Geld in das ungewöhnliche Projekt zu stecken, wurden belohnt: Das Publikum war begeistert und konnte trotz der vielen Besucher die Leere wahrnehmen.

Klangkörper, Bühne, Resonanzraum

Ganz leer, wie man es vielleicht erwarten würde, ist das Museum nicht: Gilgi Guggenheim hat dafür eine Sitzbank entworfen, die auch als Liege benutzt werden kann, und auch die Beleuchtung in Form eines Rahmens an der Decke stammt von ihr. Es gibt ein Entree mit Informationen zum Museum und eine Hörstation – eine vielstimmige Annäherung an die Leere mit Gedanken von Kindern und Erwachsenen. Bereits haben sich mehrere Interessenten gemeldet, die das MoE nutzen wollen: eine Sängerin, Schauspieler, Musiker, eine Meditationsgruppe: «Der Raum kann Klangkörper, Resonanzraum, Bühne sein. Jeder sieht ganz eigene Möglichkeiten.» Gilgi Guggenheim will vor allem Gastgeberin sein: Wichtig ist ihr, dass die Projekte einen Bezug zur Leere haben. Es gibt auch Personen, die den Raum für einige Stunden reservieren – einfach nur, um ihn auf sich wirken zu lassen. Auch zu den regulären Öffnungszeiten des Museums kommen Besucher.

Für das Jahr 2017 wünscht sich Gilgi Guggenheim, dass das Museum der Leere weiterhin in ruhigem Rhythmus belebt wird und das vielseitige Interesse daran anhält. Bereits geplant ist die Performancereihe einer mexikanischen Künstlerin aus Zürich. Sie hofft ausserdem, im neuen Jahr finanzielle Mittel zu finden, damit sie nicht alle Kosten selber tragen muss.

Christina Genova