Rauchsignale im Ödland

Seit einem Jahr kocht Bernd Schützelhofer im «Paul's» in Widnau. Und er hat das Lokal zum Paradies für Zigarrenliebhaber gemacht.

Beda Hanimann
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«Zigarrenrauchen heisst, sich Zeit zu nehmen»: Bernd Schützelhofer im Cuba Club des «Paul's». (Bild: David Suter)

«Zigarrenrauchen heisst, sich Zeit zu nehmen»: Bernd Schützelhofer im Cuba Club des «Paul's». (Bild: David Suter)

Der Weg führt durch Wohnhausquartiere und vorbei an Industriebauten, Last- und Lieferwagen machen deutlich, dass hier gerackert wird. Irgendwann steht man vor einem Park, durch Bäume und Sträucher geht der Blick auf einen lauschigen Terrassengarten und ein hübsches Gebäude. Erbaut wohl als Fabrikantenvilla, später Kantine einer Textilfabrik, vor einigen Jahren wurde es zum Restaurant umgebaut. Hier, im «Paul's», bitten Bernd Schützelhofer und Jacqueline Pedregal seit gut einem Jahr zum Genuss. «Zweitklassig ist nur die Lage, alles andere ist erste Sahne», befand der Gourmetführer Gault Millau, gab dem «Paul's» 16 Punkte und Schützelhofer den Titel «Cigarman of the Year».

Die Zigarre zum Feierabend

Erwartet hat Schützelhofer die Auszeichnung nicht, aber natürlich freut sie ihn, weil sie eine Motivation für die ganze Belegschaft sei und das Lokal bekannter mache. «Aber ich rauche jetzt deshalb nicht mehr», sagt er. Ein Vielraucher, bei dem es von morgens bis abends qualmt, ist der 44-Jährige ohnehin nicht. Er kommt nicht einmal auf den Gedanken, für den vormittäglichen Fototermin eine Zigarre anzuzünden. Und nimmt damit ungewollt schon fast die Antwort auf eine Frage vorweg. Spitzenküche und Rauchen, ob das nicht ein Widerspruch sei, ob man sich da nicht die Geschmacksnerven verderbe, so lautet er. «Zigarren raucht man ja nicht fünf oder zehn am Tag», sagt er. «Sie gehören zum Feierabend, zur Freizeit, es kommt mir nicht in den Sinn, vor der Arbeit zu rauchen.»

Spätberufener Raucher

Das mag auch damit zu tun haben, dass das Rauchen nicht seit Jugendzeiten zu Schützelhofers Biographie gehört. Erst vor ein paar Jahren habe ihm ein Freund – Mediziner und passionierter Zigarrenraucher – gesagt: Probier das doch einmal. Es war die erste Begegnung mit dem Rauch. «Ich habe vorher nie eine Zigarette geraucht, das war nie ein Thema, das interessiert mich nicht», sagt er.

Doch bei den Zigarren hat es gefunkt. Was ihn fasziniert, ist die Geschmacksvielfalt des Tabaks und die Aura der Zigarren: «Eine Zigarre anzuzünden, bedeutet, sich Zeit zu nehmen.» Es sei ein Herunterfahren. Entspannung, Genuss. Den ermöglicht er auch seinen Gästen. Das «Paul's» beherbergt neben dem Speisesaal eine Raucherlounge und einen Cuba Club. Und hat 89 Zigarrensorten im Humidor.

Kochen ist ein Handwerk

Alles andere als ein Spätberufener ist Schützelhofer bei seiner zweiten Leidenschaft, dem Kochen. «Ich bin nicht familiär vorbelastet, aber ich wollte schon als Bub Koch werden», erzählt er. Kochen habe ihm immer Freude gemacht, wenn seine Kollegen in der Badi waren, habe er in der Küche geholfen, auch Kochsendungen im Fernsehen habe er gern gehabt.

Den heutigen Boom von Kochsendungen beurteilt Schützelhofer skeptisch. «Da entsteht oft ein falsches Bild, es sieht alles so locker aus, so einfach. Aber Kochen hat weder mit Spielerei noch mit Kunst zu tun. Für mich ist es ein Handwerk, das erlernt werden muss.» Die Kreativität komme erst später, wenn man sich länger mit der Materie befasse, sich weiterbilde und den Horizont erweitere. Er zitiert ein geflügeltes Wort: «Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiss gesetzt.»

Der «Iron Man der Branche»

Schützelhofer weiss, wovon er spricht. Nach der Lehre arbeitete er an Adressen wie dem «Kulm Hotel St. Moritz», dem «Belvédère» Spiez, dem «Hof Ragaz», dem «Kurhaus Baden-Baden», dem «Astoria» in Luzern oder dem Gourmetrestaurant eines Kreuzfahrtschiffs, zuletzt war er im «Kronenhof» in Pontresina, wo ihn der Gault Millau mit 16 Punkten bewertete und als «Iron Man der Branche» bezeichnete.

Nun ist Schützelhofer in die Nähe seines Heimatdorfes Hard zurückgekehrt. Das ist nicht mehr die Welt der Engadiner Luxusgastronomie, aber an seinem Credo ändert das nichts: «Qualität ist alles, das Produkt ist der Hauptdarsteller», sagt Schützelhofer, der Kapitän auf dem Genussdampfer im Widnauer Industriegebiet.