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RAP: Religiöses Rapperalbum

Der US-Amerikaner Kendrick Lamar ist der wichtigste Rapper dieser Tage. Auf seiner neuen Platte reduziert er die musikalische Vielfalt und lässt sie dafür in der Sprache aufleben.
Michael Graber
Mehr denn je rückt Lamar seinen christlichen Glauben in den Fokus. Jedoch in einer Version, die seine Songs auch für Zweifler verträglich macht. (Bild: Carlo Allegri/Reuters (Indio, 16. April 2017))

Mehr denn je rückt Lamar seinen christlichen Glauben in den Fokus. Jedoch in einer Version, die seine Songs auch für Zweifler verträglich macht. (Bild: Carlo Allegri/Reuters (Indio, 16. April 2017))

Michael Graber

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@tagblatt.ch

Kendrick Lamar hat über Os­- tern ein Album veröffentlicht: «DAMN.». Sowohl Albumtitel als auch alle 14 Songtitel komplett in Versalien gehalten. Erste Vermutung: Da will jemand kräftig Dampf ablassen. Über die Welt, über Amerika und über Trump. Immerhin ist Lamar bekannt für seine pointiert-politischen Äusserungen, und er wurde zu einem wichtigen Vertreter der Schwar­zenrechtsbewegung Black Lives Matter.

Doch es ist wie so oft: Der ­erste Eindruck täuscht. Auf «DAMN.» zieht sich Lamar eher ins Persönliche zurück. Viele religiöse Motive finden sich in den Songs. Insgesamt zeigen sie einen zweifelnden Lamar, der mit der Weltlage und sich selbst hadert. Natürlich ist er dabei politisch, und natürlich ist er dabei auch mal giftig, aber im Gegensatz zum grossartigen Vorgängeralbum «To Pimp A Butterfly» grundsätzlich entspannter. «Auf der letzten Platte wollte ich noch die schwarzen Künstler vor­anbringen, aber es gibt einen Unterschied zwischen schwarzen Künstlern und schwachen Künstlern», rappt Lamar in «Element».

Auf einem ganz eigenen Level

Er will auch nicht mehr dem Rap ein neues Gewand geben. War bei «To Pimp A Butterfly» noch viel Jazz und Funk, ist «DAMN.» eine fast schon klassische Hip-Hop-Platte. Lamar bedient sich Beats, die im Rap verankert sind, und verschliesst sich dabei auch modernen Spielformen wie dem Trap nicht. Das mögen jetzt einige vielleicht bedauern, es ist aber auch eine Chance. So lässt sich viel einfacher nachvollziehen, was für ein fantastischer Rapper Kendrick Lamar ist.

Er beherrscht derart viele Stile und Techniken, dass ungeübte Hörer glauben könnten, da seien verschiedene Musiker am Werk. Lamar kann schleppend erzählen («Blood»), Lamar kann beinahe ohne atmen Dutzende Wortsalven abfeuern («Humble»), Lamar kann auch ein bisschen singen («Lust»). Und vor allem kann er auch innerhalb eines Songs die Stile wechseln, wie er es etwa im fast achtminütigen «Fear» tut. Raptechnisch ist er auf einem eigenen Level. Die Vielfalt, die er dem Sound entzogen hat, lebt jetzt noch stärker in der Sprache. Es ist beeindruckend, mit welcher Lockerheit sich der 29-Jährige durch die Beats tankt und Tempo, Tonfall und Reimschema nach seinem Gusto anpasst. Anders als noch bei «Good Kid, M.a.a.d. City» ist Lamar deutlich zugänglicher geworden. Verschrobene Experimente gibt es fast keine mehr. Vielleicht schafft er so – endlich – den Sprung vom wichtigsten Rapper seiner Generation zum erfolgreichsten. Für die grosse Masse war Lamar meist etwas zu sperrig – bis jetzt. Dafür bezahlt er aber auch einen Preis: Während «To Pimp A Butterfly» eine Wucht war, ist «DAMN.» nun ein Wüchtchen. Gewiss, das ist eine sehr gute Platte, aber für Lamar gelten eigene Massstäbe. Es ist keine Neuerfindung, keine heilsbringende Botschaft und auch nicht der komplette Wahnsinn. Vielmehr ist «DAMN.» zeitgeistig reduziert und auf die Essenzen eingedampft. Trotzdem: Irgendwie hätte man sich etwas mehr erhofft, auch wenn man sich das angesichts des allgemeinen Kritikerlobs fast nicht zu sagen traut.

Fans hofften auf zweite Platte

Vielleicht wäre «NATION.» genau das gewesen. Im Internet kursierten seit Karfreitag wilde Gerüchte, dass nach «DAMN.» am Karfreitag, am Ostersonntag «NATION.» erscheine. Und aus den beiden Albumtiteln «Verdammt» und «Nation» hätte sich das Wort «Damnation» gebildet – «Verdammnis». Das alles klang irgendwie logisch für den sprachverliebten Lamar. Vielleicht zu logisch. Es gibt keine zweite Platte. «Es war immer ‹Ich gegen die Welt›, bis ich herausfand, dass es ‹Ich gegen mich› ist», startet Kendrick Lamar seinen letzten Song. Alle anderen muss er auch nicht mehr besiegen, die hat er alle längst hinter sich gelassen. Jetzt muss man einfach hoffen, dass es ihm so ganz allein an der Spitze nicht langweilig wird. Es wäre schade.

Kendrick Lamar: «DAMN.» ­(In­terscope/Universal)

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