PYRAMIDEN: Die Spitze zum Himmel

Schon die alten Griechen standen vor 2500 Jahren bewundernd vor den Pyramiden von Giza und zählten sie zu den sieben Weltwundern. Napoleons Begeisterung begründete die Ägyptologie.

Bruno Knellwolf
Drucken
Teilen
Die Knick-Pyramide in Dahschur ist die einzige Pyramide, die in ihrer äusseren Form weitgehend erhalten ist. 70 Prozent der Kalksteinverkleidung sind noch sichtbar. Die mindere Qualität der Bauausführung hat wohl dazu geführt, den Neigungswinkel der Pyramide auf einer Höhe von 47 Metern zu ändern. (Bild: Liechtensteinisches Landesmuseum)

Die Knick-Pyramide in Dahschur ist die einzige Pyramide, die in ihrer äusseren Form weitgehend erhalten ist. 70 Prozent der Kalksteinverkleidung sind noch sichtbar. Die mindere Qualität der Bauausführung hat wohl dazu geführt, den Neigungswinkel der Pyramide auf einer Höhe von 47 Metern zu ändern. (Bild: Liechtensteinisches Landesmuseum)

Bruno Knellwolf

Ägypten: heute ein Jammertal – Terror, Arbeitslosigkeit, diktatorische Zustände. Umso faszinierender ist der Blick zurück, als die Region um den Nil herum dem Rest der Welt kulturell weit voraus war. Pyramiden und Tempel baute, die seinesgleichen suchen. «Schon 3000 vor Christus, also noch vor den Pyramiden, gab es unglaublich präzise Handarbeit», sagt Sabina Braun vom Liechtensteinischen Landesmuseum in Vaduz und zeigt auf eine Vitrine in der neuen Ausstellung «Faszination Pyramiden».

«Diese Fertigkeiten der alten Ägypter waren die Grundlage für den Bau der Pyramiden, als es in Europa noch gar nichts gab», sagt Braun beim Rundgang. 5000 Jahre Geschichte werden gezeigt – von den ersten Steinbauten bis zum Entstehen der Ägyptologie als Wissenschaft unter Napoleon Bonaparte.

Sein französisches Heer fällt 1798 in Ägypten ein und steht vor den Pyramiden von Giza, um eine Schlacht gegen den Mamelukenkönig Murad Bey zu schlagen. ­Ergriffen von der Baukunst der alten Ägypter sagt der Feldherr: «Soldaten! Vierzig Jahrhunderte blicken auf euch herab!» Allein die Cheopspyramiden konnten damals die fünf grössten Kirchen der Welt beherbergen. Napoleon berechnet der Legende gemäss blitzschnell, dass die Steine dieser Pyramide eine drei Meter hohe und eineinhalb Meter breite Mauer um ganz Frankreich hätten bilden können. Napoleon wird von den Engländern schnell wieder aus Ägypten vertrieben. Dort bleiben die im Tross mitgereisten französischen Wissenschafter, die weiterhin ihre Forschung betreiben können und die Faszination dieser mächtigen Kunstwerke in die Welt bringen.

Beginn mit einer Stufenpyramide

Der Bau der Pyramiden beginnt mit Djoser, dem zweiten König der 3. Dynastie etwa 2650 v. Chr. Er lässt eine Stufenpyramide bauen mit einer Ausdehnung von 545 mal 278 Metern. Der geniale Baumeister dieses riesigen Königsgrabs ist Imhotep, der als Erfinder des Steinbaus gilt. «Viele Statuen zeigen, welch grossen Ruhm er als Baumeister erlangt hat», sagt Braun. Er verwendete statt Lehmziegel nur Kalkstein und machte so die späteren Pyramiden erst möglich.

Mit Snofru, dem ersten König der 4. Dynastie (2613–2589 v. Chr.), beginnt die grosse Zeit des Pyramidenbaus. Der Pharao erfindet die faszinierende Form der spitzen Pyramide und nähert sich dieser mit dem Bau von drei Pyramiden an. Er beginnt mit der Stufen­pyramide von Meidum, von der heute nur noch der Kern erhalten ist. Seine zweite ist eine Knick-Pyramide, die in Dahschur noch erhalten ist. «Mit der dritten Pyramide vollendet Snofru die Form und bringt es hin, dass diese glatte Wände ohne Stufen und Knick hat. Diese Rote Pyramide hat die perfekte Form», sagt Sabina Braun. Die letzte von Pharao Snorfu erbaute Pyramide hat eine Basislänge von 219 Metern und eine Höhe von 109,5 Metern. Sie besitzt ein Steigungsverhältnis von 1:1, also 45 Grad.

Das Kammersystem wurde in den anstehenden Fels eingetieft. Zu ihrem Namen kam die Rote Pyramide in Dahschur, weil der weisse Kalkstein durch die Oxida­tion eine rötlich-braune Färbung erhalten hat.

Die berühmteste Pyramide hat aber Snofrus Sohn gebaut: Cheops. Auf dem 40 Meter hohen Plateau von Giza, 14 Kilometer westlich von Kairo, liegen drei Pyramiden, umgeben von Hunderten von Beamtengräbern. «Westlich des Nils war der Tod, die Grabstätten, östlich des Nils das Leben», erklärt Sabina Braun. Cheops steinerne Grabstätte wird als Weltwunder bezeichnet und hat eine Basislänge von 230 Metern und eine Höhe von ursprünglich über 146 Metern.

Das Pyramideninnere wird durch einen schräg nach unten verlaufenden Gang erreicht, der ursprünglich zu einer tief im ­Felsen liegenden Kammer führte. Diese wurde jedoch nie vollendet. Stattdessen führt ein aufsteigender Gang zur Grossen ­Galerie. Die eigentlich Grab­kammer Cheops war ein kubischer Raum aus Granit. Entlastungskammern über ihr verhinderten einen zu starken Druck auf die Grabkammer. Ein weiterer Zugang am Beginn der Grossen ­Galerie führt zur Königinnenkammer.

Beinahe so grosse wie die Pyramide des Vaters

Auch nicht viel kleiner ist die Pyramide von Cheops Sohn Chephren. Sein Grabmal hat eine Grund­kantenlänge von 215 Metern und ist mit 143,5 Metern beinahe so hoch wie die Cheops-Pyramide. An der Spitze ist ihre Verkleidung aus Tura-Kalkstein noch vorhanden. Deutlich bescheidener ist die dritte Pyramide von Giza, die von Mykerinos, einem Enkel von Cheops, dessen Wirken wenig bekannt ist.

Beeindruckend bei allen ist die Grösse und das Gewicht der Kalksteinblöcke. Die wiegen 1,3 bis 10 Tonnen, die Granitblöcke der Königskammer gar 40 bis 50 Tonnen. Wie genau die Pyramiden vor 4500 Jahren gebaut werden konnten, ist immer noch eine ­offene Frage. «Früher glaubte man, es sei Sklavenarbeit gewesen. Heute geht man von Freiwilligen aus, die ein göttliches Werk schaffen wollten», sagt Braun.

Mehr als hundert Pyramiden kennt man, wahrscheinlich wurden noch weitere gebaut, sie sind aber wohl zerfallen. Die Sphinx beispielsweise wurde vom Wüstensand fast ganz zugedeckt. Napoleons Forscher sahen nur den Kopf, der massige Körper der steinernen Katze wurde erst ­später befreit und sichtbar.

Am Ende wird Ägypten zur römischen Provinz

Das Alte Reich zerfiel, die Pyramiden blieben. In der 11. Dynastie konnte Mentuhop II. um 2000 v. Chr. das zerfallene Reich aber wieder einen. Er baute zwar kleinere Pyramiden, dafür aber rie­sige Kanäle für die Wasserversorgung. Dem mittleren Reich folgte das Neue Reich und schliesslich der Untergang der alten Ägypter mit der Herrschaft der Römer über Kleopatras Reich.

Die Schätze der alten Ägypter sind in die Welt verstreut worden. Gestohlen oder verschenkt. So auch viele Obelisken, die in ­Paris, New York oder Washington stehen.