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PSYCHOLOGIE: Mann, 40, in der Krise

Zur Lebensmitte dämmert vielen Männern: Chancen sind verpasst und der Körper macht nicht mehr so mit. Warum die Midlife-Crisis kein Mythos ist, erklärt Ulrike Ehlert, Psychologieprofessorin an der Uni Zürich.
Rebecca Wyss
Männer, die auf ihre Gesundheit achten und sich erden, sind zufriedener. (Bild: Andrew Peacock/Getty)

Männer, die auf ihre Gesundheit achten und sich erden, sind zufriedener. (Bild: Andrew Peacock/Getty)

Interview: Rebecca Wyss

Frau Ehlert, wenn ich mir einen Mann in der Midlife-Crisis vorstelle, sehe ich einen Mittfünfziger vor mir. Sie untersuchen Männer ab 40. Ist das nicht etwas jung?

Ab 40 werden die Männer älter. Die Testosteronwerte sinken. Aber nur langsam. Das ist der grosse Unterschied zu den Frauen. Bei Frauen ab 50 kommt die Menopause, der Hormonabfall. Das passiert etwa gleichzeitig mit den Wechseljahrbeschwerden, die heftig sein können. Bei Männern gibt es diese Symptome auch. Allerdings nicht so plötzlich wie bei den Frauen. Und auch nicht bei allen gleich intensiv. Die schwitzen ab und zu mehr. Die sind ab und zu mal gereizt. Oder ab und zu weinerlich. Das haben Wissenschafter schon in den 40er-Jahren beschrieben.

Testosteron wird mit Männlichkeit gleichgesetzt. Nun gibt es ältere Männer, die noch immer hohe Werte aufweisen. Was bedeutet das für sie?

Der Testosteronspiegel ist für Männer sehr wichtig. Viele machen sich Sorgen, wenn sie im Alter hören, dass dieser abfällt. Vor allem auch wegen ihrer Potenz. Sie haben Angst, dass sie sexuell nicht mehr leistungsfähig sind. Man muss aber wissen: Hohe Testosteronwerte sind nicht per se positiv. Wir konnten nachweisen, dass Männer mit hohen Testosteronspiegeln und einem gleichzeitig starken unbewussten Machtbedürfnis ihre Vaterschaft als herausfordernder und anstrengender ansehen als jene mit tieferen Testosteronspiegeln. Das bedeutet, dass sie zum Beispiel weniger gerne aufs Joggen oder Fussballschauen verzichten, um mit ihren Söhnen und Töchtern etwas zu unternehmen.

Ihre Forschung hat ergeben, dass ein Drittel der Männer über 40 angibt, fremdzugehen. Wie kommt das?

Ab 40 stecken die meisten Männer in der Lebenssituation, dass ihre Kinder schon älter sind. Sie gehen ihre eigenen Wege. Nun müssen sich die Männer mit der Partnerin als Paar neu definieren. Sie müssen also schauen, welche Interessen sie ausser den Kindern gemeinsam haben. Manche schaffen das, andere nicht. Vielleicht läuft es mit der Partnerin im Bett nicht mehr. Bei denen, die ihre Männlichkeit zu einem grossen Teil über ihre sexuelle Leistungsfähigkeit definieren, führt das zu einem Problem. Ihr Selbstwertgefühl sinkt. Um dieses zu heben, um ihre Männlichkeit zu retten, kann es sein, dass sie sich auf eine andere Frau einlassen.

Frauen leiden, wenn ihre Jugendlichkeit schwindet. Wie gehen Männer damit um?

Bei der Generation von Männern, die jetzt älter ist, ist das kein so grosses Thema. Bei den jüngeren Männern ist das anders. Die legen grossen Wert auf einen gepflegten, schlanken Körper. Interessant ist in dem Zusammenhang: Frauen bewerten gerade die Männer als attraktiv und jünger, die auch zufriedener sind. Lebenszufriedenheit lässt sich offenbar auch am Gesicht ablesen.

Was macht denn Männer im «besten Alter» glücklich?

Männer, die auf ihre Gesundheit achten, sind zufriedener als andere. Das zeigt die Forschung. Jede Beschäftigung ist gut, bei der die Männer sich erden, entspannen, abschalten können. Das geht mit meditativen Aktivitäten viel einfacher. Yoga, Tai- Chi, Qigong oder Kung-Fu zum Beispiel. Wichtig ist zudem eine Partnerschaft. Ältere Männer wünschen sich jemanden, der sich um sie kümmert. Das hat man in der Krebsforschung gesehen. Dort hat sich gezeigt, dass von allen Gruppen sich jene Männer am häufigsten das Leben nehmen, die ohne Partnerin sind. Noch mehr als Frauen in der gleichen Situation. Wenn Männer krank und auch noch einsam sind, scheinen sie noch mehr unter ihrer Krankheit zu leiden als die Frauen.

Die Zahl der Depressiven steigt bei den Männern ab ­50 Jahre. Weil Sie einsam sind?

Der Druck, im Arbeitsleben mitzuhalten, ist für sie gestiegen. Sie, die sich über ihren Vollzeitjob definieren. Die damit eine Familie ernährt haben. Wenn man in einem bestimmten Alter ist, ist die Gefahr gross, dass man von einem Jüngeren, besser Ausgebildeten ersetzt wird. Wie viele kennen Sie, die noch immer in dem Job sind, in dem sie eine Lehre gemacht haben? Wenige. Die Grosseltern heute sind in dem Betrieb in Rente gegangen, in dem sie schon ihre Lehre gemacht haben. Diese gesellschaftliche Haltung «Forever young» – für immer jung – ist stressig. Sie kann zu Niedergeschlagenheit bis hin zur Depression führen. Wenn Männer wenige Sozialkontakte haben und sich wenig unterstützt fühlen, ist das Risiko für eine Depression ebenfalls erhöht.

Was hilft ihnen, um da gelassen zu bleiben?

Optimismus. Bei amerikanischen Männern und Frauen im mittleren Lebensalter zeigte sich, dass ein Drittel der psychischen und 13 Prozent der körperlichen Gesundheit durch eine optimistische Grundhaltung erklärt werden kann. Männer, die optimistisch sind, fühlen sich beispielsweise weniger einsam. Auch wenn sie objektiv gesehen alleine sind. Einsamkeit ist auch eine Ursache für Depressionen im Alter.

Kann jeder zum Optimisten werden?

Ich bin seit über dreissig Jahren auch Psychotherapeutin. Ich kenne die Grenzen der Veränderbarkeit. Aus einem Pessimisten wird nur schwer ein überzeugter Optimist. Das heisst nicht, dass man nicht an der Lebenszufriedenheit arbeiten kann. Das zeigt der ­Erfolg von Psychotherapien. Es kann auch die Lebensqualität steigern, wenn man an der ­eigenen Partnerschaft arbeitet. Manchmal lohnt es sich, die Beziehung im Alter nicht wegen jemand anderes hinzuschmeissen. Sondern in die langjährige Beziehung zu investieren.

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