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PSYCHOLOGIE: Dem Chef Gefühle zumuten

Niemand will sie, und doch sind sie unvermeidlich: Konflikte am Arbeitsplatz. Verdrängen bringt nichts, sagt Psychologin Marlen Bolliger. Und erklärt, wie man seinem Ärger auf kluge Art Luft verschafft.
Melissa Müller
Verhärtete Fronten: Es lohnt sich, bereits in der Anfangsphase eines Konflikts das Gespräch zu suchen. (Bild: Getty)

Verhärtete Fronten: Es lohnt sich, bereits in der Anfangsphase eines Konflikts das Gespräch zu suchen. (Bild: Getty)

Melissa Müller

melissa.mueller@tagblatt.ch

Weinen, schmollen, Türen knallen? Im Beruf ein Unding. Sich am Arbeitsplatz zu verlieben, kommt für die meisten nicht in Frage. Ebenso vermeiden sie es, dort private Probleme auszubreiten. Gefühle haben da nichts zu suchen, finden sie.

Arbeitspsychologin Marlen Bolliger vertritt eine andere Haltung. Damit meint sie nicht, dass man im Büro ausrasten sollte. Aber sie macht Mut, sich zu seinen Gefühlen zu bekennen und darüber zu reden – auch mit dem Chef. Denn Konflikte können einem den Schlaf rauben und das Leben zur Hölle machen. Verdrängen bringe nichts: «Eine Zeit lang kann man einen Konflikt haben, ohne dass er einen sonderlich belastet. Aber irgendwann dreht sich der Wind und der Konflikt hat einen.» Dann verliert man im schlimmsten Fall die Kontrolle: Man wird von Gefühlen übermannt, die Wahrnehmung verschiebt sich, man unterstellt dem Gegenüber nur noch schlechte Absichten. Eine Abwärtsspirale, die eine Lösung immer unwahrscheinlicher erscheinen lässt. Es lohne sich daher, bereits in der Anfangsphase eines Konflikts darüber zu reden. Und darauf zu achten, wie man sich äussert. Die Expertin empfiehlt dabei die «gewaltfreie Kommunikation» (siehe Kasten).

Marlen Bolliger, kann man dem Chef seine Gefühle zumuten?

Es braucht Mut und man muss über seinen Schatten springen, um dem Chef zu sagen, dass einem etwas auf dem Magen liegt. Es ist einfacher für den Vorgesetzten, auf eine ehrliche und wertschätzende Formulierung zu reagieren, als wenn er mit Vorwürfen bombardiert wird. Ich habe nie erlebt, dass ein Chef es nicht gewürdigt hätte, wenn ein Mitarbeiter sich geöffnet hat und zu seinen Gefühlen gestanden ist.

Viele Berufsleute klagen über mangelnde Wertschätzung. Was raten Sie?

Jeder Mensch wünscht sich Anerkennung. Ich würde raten, sich das Feedback aktiv einzuholen. Also dem Chef zu sagen: «Ich bekomme wenig Rückmeldungen und fühle mich etwas orientierungslos. Bist du zufrieden mit meiner Arbeit? Wo könnte ich mich noch steigern?» Wichtig ist, dass sich das Lob oder die Kritik des Chefs auf eine konkrete Situation bezieht.

Warum?

Es gibt da einen Tipp aus einem Führungshandbuch: «Erwisch den Mitarbeiter, wenn er etwas gut gemacht hat.» Statt: Ertappe ihn, wenn er einen Fehler gemacht hat. Und gib ihm ein Feedback auf die konkrete Situation. Dieses muss ehrlich sein. Wenn der Chef nur lobt, weil er weiss, dass es wichtig wäre, verfehlt es seine Wirkung.

Trifft der Chef unpopuläre Entscheidungen, ohne die betroffenen Mitarbeiter einzubeziehen, herrscht meistens dicke Luft.

Es ist frustrierend, übergangen zu werden. Wichtig ist, nicht die Faust im Sack zu machen. Sondern hinzustehen und zu sagen: «Es ist schlimm für mich, dass ich nicht in den Prozess einbezogen wurde. Ich fühle mich betroffen.»

Was bringt es?

Ich konnte mich äussern und mein Anliegen deponieren. Aber es gibt auch Situationen, in denen sich kämpfen nicht lohnt. In denen die Energie verpufft, weil man keinen Einfluss hat.

Welche Konflikte kommen oft vor am Arbeitsplatz?

Ich erlebe häufig, dass sich ein Team stört über eine Person, die sich irritierend verhält. Die etwa den Arbeitsplan nur zu ihren Gunsten erstellt oder sich unter Zeitdruck fluchend Luft verschafft. Ich habe einmal eine Lehrperson beraten, die einer Kollegin im Lehrerzimmer das Pausenbrötchen weggegessen hatte. Das führte zu einem Riesenaufruhr.

Was sind das für Charaktere, die bei anderen anecken?

Das sind oftmals Persönlichkeiten, die etwas anders sind, ein bisschen verschroben. Die in ihrer eigenen Welt leben und sich nicht fragen: Wie wirke ich auf andere? Wie sieht’s wohl bei meinem Gegenüber aus? Andere denken für alle, nehmen eigene Bedürfnisse zurück. Da droht die Gefahr, dass diese überlastet werden und ihre Energie zurückgeht.

Was hilft in solchen Situationen?

Im Prozess der Klärung die Hintergründe aufdecken. Nicht mit Schlagwörtern operieren und sagen: Du bist halt egoistisch. Sondern nachfragen: Was sind deine Beweggründe, dich so zu verhalten? Was hindert dich daran, unsere Situation zu sehen?

Wer ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein hat, erreicht seine Ziele häufiger. Die Ruhigen, Harmoniebedürftigen kommen dagegen eher unter die Räder. Wie können diese lernen, sich besser durchzusetzen?

Das ist oft eine Veranlagung, und es kommen etliche Leute mit diesem Problem zu mir in die Beratung. Wir trainieren in kleinen Schritten. Solche Menschen sollten jede Gelegenheit nutzen, sich zu Wort zu melden, zum Beispiel in einer Sitzung oder Diskussion. Man muss sich auch fragen: In welcher Situation lohnt es sich zu kämpfen? Je nachdem ist es besser, den Rückzug anzutreten. Wenn ich aber eine neue Aufgabe übernehmen will, die Kompetenzen mitbringe und überzeugt bin, die richtige Person dafür zu sein, macht es Sinn, dass ich das auch sage. Und alle Hebel in Bewegung setze.

Wer keinen beruflichen Erfolg vorweisen kann, hat das Gefühl, auf ganzer Linie versagt zu haben.

Das Sich-Verausgaben bei der Arbeit ist ein zentrales Phänomen. Wie auch die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren und nicht zu genügen. Viele erteilen sich einen inneren Leistungsauftrag. Sie können nichts liegen lassen, müssen alles sofort erledigen. Und sie folgen unbewusst Glaubenssätzen wie: Der Chef hat immer Recht. Oder: Ich muss alles perfekt machen. Das setzt unter Druck. Niemand kann das leisten, weshalb man zwangsläufig unzufrieden wird mit sich selbst.

Wie kann man dem entgegenwirken?

Indem man negative Verhaltensmuster erkennt. Diese Muster umzupolen, ist aber harte Arbeit.

Wie kann es gelingen?

Es gibt da eine witzige App namens Songify. Man nimmt die eigene Stimme auf und wiederholt einen Satz wie: «Ich habe immer Pech.» Dann hört man sich das an. Die App verzerrt die Stimme so bizarr, dass man nicht anders kann, als über sich selber zu lachen. Das schafft Distanz. Gewohnheiten ändern erfordert grosse Bemühungen und viele Wiederholungen. Man kann sich einen neuen Satz ausdenken, wie: «Ich darf Fehler machen. Fehler gehören dazu.» Sie können es sich vorstellen wie einen Trampelpfad im Gehirn. Den muss man immer wieder ausprobieren und die neue Bahn einschleifen, bis sie ein Wanderweg wird. Und irgendwann wird daraus eine Autostrasse, die unwillkürlich, ohne Willensanstrengung funktioniert.

Der Kanton St. Gallen bietet Workshops über Gesundheit am Arbeitsplatz an, auch mit Marlen Bolliger. www.zepra.ch

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